Sport : Australian Open: Topmanager Agassi plant ein großes Jahr

Jörg Allmeroth

Der letzte Punkt des Champions, eine meisterliche Rückhand, verzückte selbst die reservierte Lebensgefährtin auf der Tribüne: "Wow, what a ball", schrie Steffi Graf auf, als Andre Agassi unten auf dem Centre Court das Finale der Australian Open mit einem Traumschlag zum 6:4, 6:2, 6:2-Sieg gegen den Franzosen Arnaud Clement beendet hatte. "Es ist ein wunderbares Gefühl, hier zu stehen und den Sieg zu genießen", sagte Agassi, als ihm bereits zum dritten Mal nach 1995 und 2000 der silberne Siegerpokal überreicht wurde. "Ich bin jetzt ein sehr stolzer Mann. Dies könnte der Start in ein unglaubliches Jahr gewesen sein. Jedenfalls soll das nicht mein letzter großer Titel gewesen sein."

Der einstige Popstar der Branche fühlte sich "stärker und fitter als jemals zuvor". Erstmals in seiner Karriere hatte er bei einem der vier Grand-Slam-Turniere seinen Titel erfolgreich verteidigt. Inzwischen hat Agassi bereits vier seiner sieben Grand-Slam-Siege nach Vollendung des 29. Lebensjahres auf die Centre Courts von Paris, Wimbledon, New York und Melbourne gezaubert - ein Kunststück, das vor ihm im modernen Tennis nur Jimmy Connors schaffte. Mit drei Siegen in Melbourne, zwei bei den US Open und je einem in Wimbledon und Paris ließ Agassi nun auch zwei Weggefährten aus vielen gemeinsamen Jahren im Tenniscircuit hinter sich. Boris Becker und Stefan Edberg konnten jeweils nur sechs Mal bei Grand-Slam-Turnieren siegen.

Die Gewissheit, zwei harte Wochen im wetterwendischen Melbourne mit flammender Hitze, drückender Schwüle und Herbstkühle überstehen zu können, hatte sich die Nummer eins der Weltrangliste vor der Jahreswende daheim in Las Vegas geholt. Dort, in der Spielhölle mitten in der Wüste, gibt es einen kleinen Berg, den Agassi seit jeher für Ausdauer- und Steigerungsläufe benutzt. Über Weihnachten war er dort wieder mit seinem Fitnesscoach Gil Reyes unterwegs, Stunde um Stunde stählte Agassi seine Kondition. "Einmal hat er losgeheult, weil er kaputt war wie ein Hund", sagt Reyes. "Er schrie mich an und fragte: Warum tust du mir das an?" Reyes drehte sich weg, weil er wusste, dass auch Agassi die Antwort kannte. Als Agassi am Sonntag das Wort auf dem Centre Court ergriff, war Reyes die Adresse des ersten Danks: "Er hat meinen Geist und Körper so stark gemacht, dass ich gewinnen konnte."

Agassi, früher konfus in seiner Turnier- und Trainingsgestaltung, lebt an der Schwelle zu seinem 32. Lebensjahr wie ein Vollprofi. Sein Terminkalender ist organisiert wie der eines Topmanagers. "Nichts ist dem Zufall überlassen", sagt Agassi, "das kann und will ich mir nicht mehr leisten." Reyes hatte ihm schon vor vier Jahren beim schweren Aufstieg von Ranglisten-Platz 141 auf den Gipfel gesagt: "Plane deine Arbeit - und dann arbeite nach Plan." Das hat Agassi damals verinnerlicht. "Diese Siege im fortgeschrittenen Alter", sagt er, "sind die schönsten. Dafür lohnt sich die ganze Mühe."

Arnaud Clement, der kleine Franzose, war im einseitigen Endspiel von Melbourne nur eine Fußnote. Er hatte alle Kraft im Kopf und in den Knochen vorher aufgebraucht. Agassi jagte ihn links und rechts über den Platz, beherrschte nach Belieben Takt und Rhythmus. "Er war einfach zu stark", keuchte Clement später. Bei seiner Ansprache auf dem Centre Court würdigte er seinen Gegner "als einen der größten Spieler aller Zeiten". Dreimal hatte Clement den berühmten Kollegen zuvor schlagen können, doch nun hatte er, fast schon so etwas wie ein Angstgegner, erfahren müssen, "dass es etwas anderes ist, Andre in einem großen Endspiel gegenüberzustehen."

Am Morgen des Finales war Agassi noch fast krank vor Lampenfieber gewesen, "unfähig, auch nur eine Kleinigkeit zu essen". Er ist keiner jener Sieger, deren Selbstbewusstsein allzu lange anhält. "Ich muss mir diese Zuversicht immer wieder neu arbeiten." Agassi weiß, was auf ihn zukommt. Schon in drei Tagen hat Berater Reyes die erste Trainigseinheit angesetzt für die Vorbereitung auf die French Open.

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