Sport : Australian Open: Verschwörung gegen die furchtbare Familie

Jörg Allmeroth

Der vorerst letzte Akt der Seifenoper vollzog sich am Grand-Slam-Schauplatz Melbourne, noch bevor ein einziger Ball gespielt war. Eine Woche hat es nur gedauert, bis die unheimliche Tennisfamilie Dokic nach ihrer Rückkehr auf den Fünften Kontinent wieder wie auf Bestellung die Skandal-Schlagzeilen erobert und mit wüsten Verschwörungstheorien das Tennis-Establishment in Aufregung versetzt hatte. 24 Stunden vor den Australian Open 2001 stand nach allerlei zweifelhaftem Ballyhoo so viel fest: Die 17-jährige Jelena Dokic würde nach neuerlichen Manipulationsvorwürfen gegen den australischen Verband in Melbourne nicht für das Land starten, in dem sie und ihre Familie Mitte der 90er Jahre als Kriegsflüchtlinge vom Balkan Zuflucht gefunden hatten.

"Ich spiele hier in Melbourne unter jugoslawischer Flagge", sagte die in Tränen aufgelöste Teenagerin nach nächtlichen Beratungen des Familienrats am Sonntagmorgen. Zugleich verkündete Vater Damir Dokic, der als notorischer Unruhestifter im Tennis-Wanderzirkus zu trauriger Berühmtheit gelangt ist, die Familie werde nach dem Ende des Turniers alle Brücken nach Australien abbrechen, alle Wohnungen und Besitztümer verkaufen und nach Florida umziehen. "Wir haben hier keinen Platz mehr", sagte Dokic per Telefon aus seinem Melbourner Hotel, in dem er seit der Ankunft von einem Schaukampf in Hongkong wie in einer Festung haust und nicht den Fuß vor die Tür setzt.

Auf die Turnieranlage im Melbourne Park darf der chronische Revoluzzer in diesen Tagen sowieso nicht schreiten: Er steht noch unter einem halbjährigen Bann der WTA Tour, die den Tennisvater nach einem Eklat bei den US Open für ein halbes Jahr von allen Turnieranlagen verwiesen hatte. In New York hatte Dokic in der Spielerlounge randaliert, weil ihm der Preis für eine Fischmahlzeit überteuert erschienen war.

Den jüngsten Aufruhr hatte die Auslosung für die Australian Open verursacht, bei dem Dokics Tochter Jelena der größte anzunehmende Unglücksfall widerfahren war, eine Erstrunden-Partie gegen die amerikanische Titelverteidigerin Lindsay Davenport. Von einem Wink des Schicksals will Vater Dokic indes nichts wissen, der schon im Vorjahr die Tennis-Funktionäre mit dem Vorwurf aufgeschreckt hatte, "dass die Turnierauslosungen regelmässig manipuliert werden". Für Dokic steht im Licht der Australian-Open-Ansetzungen fest: "Es geht hier nicht mit rechten Dingen zu. Da gibt es Leute, die betrügerische Absichten haben." Der "furchtbare Papa" ("The Australian") erklärte auch, er habe gleich mehrere Anrufe von "wichtigen Leuten aus dem australischen Verband" erhalten, die seine Vermutungen "klar bestätigten."

Schon vor zwölf Monaten hatte der Dokic-Clan Offizielle, Medien und Fans in Atem gehalten. Nach ihrem Erstrunden-Ausscheiden gegen die Ungarin Rita Kuta Kis hatte Jelena Dokic erklärt, ihre Gegnerin werde "sicher nie eine vernünftige Spielerin" - ein Affront für die australischen Fans, denen Fairness heilig ist. Kurz darauf hatte sie dann in die Beschuldigungen ihres Vaters eingestimmt und davon gesprochen, "dass bei den Turnieren vieles geplant ist und manche Spielerinnen nicht nach oben kommen sollen."

Gegenwärtig besitzt die in Belgrad geborene Weltklassespielerin einen australischen und einen jugoslawischen Pass. Das jugoslawische Dokument war Jelena Dokic unter beträchtlichem PR-Getöse im November in Belgrad ausgestellt worden, trotzdem hatte die Familie anschließend noch verkündet, die letztjährige Wimbledon-Halbfinalistin werde weiter für Australien antreten. Ein Versprechen mit kurzer Halbwertzeit - genau bis zu jenem Moment, in dem die Dokic-Familie vom Ergebnis der computergesteuerten Auslosung für die Australian Open erfuhr. "An diesem Tag hat Jelena zum ersten Mal in ihrem Leben über etwas geweint, das mit Tennis zu tun hat", sagte Vater Damir, "sie fühlt, dass niemand sie in Australien mag, dass hier kein Platz für sie ist."

Für die Kritik an der Auslosungszeremonie und an den australischen Fans erntete der Dokic-Clan am Tag vor dem Turnierstart nur einträchtiges Kopfschütteln bei Kolleginnen und ehemaligen Stars: "Der Vorwurf, dass hier etwas manipuliert wird, ist ungeheuerlich und absurd", sagte Tennis-Legende Rod Laver, der nach 13-jähriger Abwesenheit zum ersten Mal wieder das Grand-Slam-Turier in seiner Heimat besucht. Dokics Gegnerin in der Nachtshow am Montag, Lindsay Davenport, stellte klar, "dass mir dieses Los auch nicht passt, dass ich es aber voll und ganz akzeptiere".

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