Australian Open : Zuschauer im Schlaggewitter

Philipp Kohlschreiber scheidet als letzter Deutscher bei den Australian Open in Melbourne gegen den aufschlagstarken Milos Raonic aus. Kohlschreibers Angriff auf die Top-20 der Welt erhielt damit einen weiteren Dämpfer.

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Ob das für Kohlschreiber noch mal was wird mit einer Platzierung unter den Top-20 der Welt?
Ob das für Kohlschreiber noch mal was wird mit einer Platzierung unter den Top-20 der Welt?Foto: dpa

Philipp Kohlschreiber war bedient. Er trottete ans Netz und gratulierte Milos Raonic, dabei musste Kohlschreiber hoch schauen. Raonic misst fast zwei Meter, 20 Zentimeter mehr als der 29 Jahre alte Augsburger. Es hatte nicht viel mit Tennis zu tun gehabt, was in den vergangenen zwei Stunden auf Court 3 im Melbourne Park stattfand. Der Kanadier servierte mit gewaltigen 220 Stundenkilometern, seine zweiten Aufschläge waren kaum langsamer. 23 Asse donnerte Raonic dazu ins Feld, ein Spielrhythmus kam so nicht zustande. „Hin und wieder war es mal ein Match“, sagte Kohlschreiber nach seiner 6:7, 3:6 und 4:6-Niederlage in der dritten Runde der Australian Open etwas ratlos.

Im Guten wie im Schlechten hatte Raonic das Geschehen diktiert, mit 44 punktbringenden Bällen und 38 leichten Fehlern. Kohlschreiber wurde eine Art Zuschauer in diesem Schlaggewitter, an Breakchancen war sowieso nicht zu denken. „Vieles hätte ich vielleicht ein bisschen besser machen können“, sagte er. Der 22 Jahre alte Raonic steht auf Platz 15 der Weltrangliste, vier Positionen vor Kohlschreiber. Es ist die Region, in die der derzeit beste Deutsche gerne in dieser Saison vordringen möchte, und es scheint ein kleiner Schritt zu sein. Doch sein Auftritt in Melbourne zeigte, dass Kohlschreiber mit den Konkurrenten vor sich noch nicht auf Augenhöhe kämpft. Nur zwei seiner letzten zehn Duelle mit Spielern aus den Top 20 konnte Kohlschreiber gewinnen.

„Der Ehrgeiz ist da, dass dieses Jahr noch etwas besser wird als das letzte“, sagte Kohlschreiber. Sein großes Ziel hat sich während der Saisonvorbereitung jedoch als Hindernis erwiesen. Kohlschreibers Erwartungen an die intensiven Trainingseinheiten waren zu hoch, er wollte zu schnell zu viel. Seine Trainer mussten ihn bremsen. Dass Kohlschreiber in der letzten Saison erstmals unter die besten 20 Spieler der Welt vordrang, nach seinem Viertelfinaleinzug in Wimbledon sogar kurzzeitig auf Platz 16 stand, war ein enormer Schritt. Notiz hatte die Öffentlichkeit von seiner Leistung jedoch kaum genommen.

Wahrgenommen wurden dafür die Schlagzeilen, die Kohlschreiber sonst produzierte. Erst sagte er mit einem Internetvideo verletzungsbedingt seine Teilnahme an den Olympischen Spielen in London ab, was durch seinen Antritt zuvor beim Turnier in Kitzbühel einen Beigeschmack erhielt. Im Herbst verpokerte sich Kohlschreiber dann im Machtgerangel mit dem damaligen Davis-Cup-Teamchef Patrik Kühnen, der ihn vor der Relegation gegen Australien aus dem Team warf. Es hatte Kohlschreiber nie besonders gekümmert, was andere von ihm dachten. Nur verwundert es ihn nun ein wenig, dass sein Sprung in die Top 20 fast unbemerkt blieb. „Man muss mich jetzt nicht jeden Tag auf Händen tragen“ sagte Kohlschreiber und tröstete sich damit, dass „zumindest die Gegner wissen, dass ich eine gute Saison hatte“.

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