Sport : Autonomer Fußball

Sansibar will eigenständiges Fifa-Mitglied werden – und lässt Oliver Pocher den Nationaltrainer spielen

Klaus Raab[Sansibar-Stadt]

Alisan Saltik und Stephan Ottenbruch wollten auf Sansibar einen Spielfilm drehen. Dann kam ihnen die Realität dazwischen: Fußball. Sansibar will Mitglied des Weltverbands Fifa werden. Nun gibt es einen Dokumentarfilm namens „Zanzibar like Paradise“, der in diesem Jahr in die deutschen Kinos kommen soll. Er handelt von diesem Wunsch. „Das ist ein Wunsch, der auf Sansibar wirklich besteht“, sagt Stephan Ottenbruch, „den haben wir nicht da hineinprojiziert.“ Sansibar hat 2600 Quadratkilometer, 800 000 Einwohner, rund 600 Fußballmannschaften, einen eigenen Verband, die Zanzibar Football Association (ZFA), der 1926 – früher als die meisten anderen Verbände Ostafrikas – gegründet wurde, und eine Nationalmannschaft. Die Chancen, Fifa-Mitglied zu werden, sind für Sansibar sehr gering. Denn Sansibar ist nur halb autonom. Die Inseln gehören zu Tansania. Trotzdem kämpfen sie um ihre fußballerische Unabhängigkeit.

Saltik und Ottenbruch von der Berliner Filmfirma Priamos sind im Lauf der Filmproduktion ein Kampagnenorganisationsteam für den sansibarischen Fußballverband geworden. Sie stehen hinter der Webseite www.zanzibar-for-fifa.com, auf der Unterschriften für die Fifa-Aufnahme Sansibars gesammelt werden. Vor allem haben sie einen medienwirksamen Coup eingeleitet: Sie vermittelten Oliver Pocher, den deutschen Fernsehcomedian, 2005 nach Sansibar. Pocher ließ sich für seine damalige Sendung „rent-a-Pocher“ als Nationaltrainer mieten. Er drehte zuerst in Sansibar, dann mit den Nationalspielern der Inseln in Hannover bei einem Spiel gegen deutsche Prominente.

„Oliver Pocher ist offiziell unser Nationaltrainer, das stimmt“, sagt Farouq Karim, der Vize-Präsident der ZFA. Aber inoffiziell amüsiert man sich auf Sansibar, wenn man hört, dass man in Deutschland dieser Version folgt. Ali Fereji Tamim etwa, der Präsident der ZFA: „Nein, nein“, sagt er, „dieser deutsche Komiker“ – mit dem Namen muss man ihm helfen – „spielte nur vor der Kamera den Trainer.“ Pocher ist für die Sansibarer nur eine Randfigur in dieser Geschichte, in der es um die Fifa-Mitgliedschaft geht, die dem Fußballverband ein ernsthaftes Anliegen ist. Und so wird er dort auch wahrgenommen: kaum.

Die Fifa ließ sich von der deutschen Unterstützung nicht beeindrucken und lehnte das Aufnahmegesuch erst einmal ab. Andreas Herren von der Fifa sagt: „Sansibar erfüllt die Mitgliedschaftskriterien einfach nicht. Wir können ja nicht unsere eigenen Statuten umgehen.“ Artikel 10 Absatz 1 besagt, dass nur anerkannt unabhängige Staaten Fifa-Mitglied werden können – darunter fällt Sansibar nicht. Und Absatz 6 bietet zwar ein kleines Schlupfloch: „Ein Fußballverband eines Gebietes, das die Unabhängigkeit noch nicht erlangt hat, darf mit Bewilligung des Verbandes des Landes, dem das Gebiet zugehört, um einen Beitritt zur Fifa ersuchen.“ Aber auch unter diesem Aspekt verweigerte die Fifa die Zustimmung.

Farouq Karim von der ZFA sagt: „Das Problem ist, dass die Statuten der Fifa nicht die besondere Situation Sansibars respektieren.“ Mwinjuma Haji Saadat, der Generalsekretär, sagt: Tansania und Sansibar, „wir sind zwei Nationen“. Zumindest empfindet er es so, weil Festland und die Inseln, lange Zeit ein osmanisches Sultanat, erst nach der Kolonialzeit zusammengeschlossen wurden. So kommt es, dass Sansibar Mitglied des ostafrikanischen Fußballverbands werden konnte – schon vor Ende der Kolonialzeit – und aktuell dritter ostafrikanischer Meister ist, während Tansania früh ausschied, aber bislang nicht Mitglied des Fußballweltverbandes Fifa werden durfte. Der afrikanische Verband Caf hat Sansibar die Mitgliedschaft gekündigt; er berief sich dabei auf die Fifa-Entscheidung. Sansibars Meister kann nun ab kommender Saison nicht mehr wie bisher an der afrikanischen Champions League teilnehmen.

So steckt hinter Sansibars Bewerbung freilich auch ein finanzieller Aspekt: Es geht um 250 000 Dollar im Jahr, die eine Fifa-Mitgliedschaft brächte, und die Gelder aus der afrikanischen Champions League.

Es geht aber auch um die gefühlte Unabhängigkeit der Inseln. Die Verantwortlichen der ZFA bestreiten zwar jeden politischen Hintergrund. Vor allem auf dem Festland in Tansania aber gibt es Stimmen, die einen Zusammenhang mit dem Wunsch sehen, den die nur auf Sansibar starke Partei Cuf (Civic United Front) hegt: nach größerer Autonomie der Inseln.

Alisan Saltik, der Berliner Regisseur, fand in dieser Spannung das Thema seines Films: „In unserem Film ist Fußball die Metapher für ein politisches Drama, das sich auf Sansibar abspielt“, sagt er. „Freiheit für den Fußball wäre ein Teil der Freiheit, die sich die Sansibarer wünschen.“ In eine Zahl gefasst: Platz 206 der Fifa-Weltrangliste. Das wäre der letzte Platz. Für einige auf Sansibar wäre das wie der gefühlte Gewinn der Weltmeisterschaft.

Für einige in Tansania aber wäre es auch irritierend.

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