Sport : „Ave Di Canio“

Faschistische Geste oder antiker Gruß? Italien streitet über Paolo Di Canio

Vincenzo Delle Donne[Rom]

Es sollte angeblich nur eine Geste des Jubels sein und ist weit mehr geworden: ein Politikum, das nicht nur im Fußball heftige Reaktionen ausgelöst hat. Mit seinem faschistischen Gruß nach dem römischen Derby ist Paolo Di Canio, der 35 Jahre alte Stürmer von Lazio Rom, zum Werbeträger der rechtsextremen Fußballfans in der Serie A geworden. Die Tifosi von Inter Mailand widmeten ihm am Sonntag zwei Transparente. Das erste lautete: „Ave Di Canio, Mailand grüßt dich!“, das zweite: „Ehre Di Canio.“ Und als auf der Anzeigetafel sein Ausgleichstor gegen den AC Florenz aufleuchtete, spendeten die Tifosi tosenden Beifall. In Florenz, wo Lazio am Ende 3:2 gewann, grölten die Tifosi: „Duce, Duce!“ Die Fiorentina-Fans antworteten im Chor: „Faschisten! Faschisten!“

Lazios Präsident Claudio Lotito nahm seinen Spieler in Schutz: Mit seiner Geste des ausgestreckten rechten Arms habe Di Canio kein politisches Signal setzen wollen. „Er ist kein Faschist. Er ist nur ein feuriger Spieler, der sein Tor bejubelt hat.“ Di Canio selbst gebärdete sich zahm: „Ich bin Fußballprofi, meine Freudenausbrüche haben absolut nichts mit Politik zu tun.“ Zuvor hatte er sämtliche Schlagzeilen der Sportpresse beherrscht. Auch die Enkeltochter von Benito Mussolini meldete sich zu Wort. „Was für ein schöner Gruß! Er hat mich fasziniert. Ich werde ihm einen Dankesgruß schicken“, schwärmte Alessandra Mussolini. Sie soll Di Canio sogar angeboten haben, für ihre Splitterpartei auf dem rechten Rand zu kandidieren.

Viele italienische Kommentatoren meinten, es habe sich bei Di Canios Gruß gar nicht um ein Zeichen der Faschisten gehandelt, sondern um den „römischen Gruß“, ein altes Symbol der römischen Antike. Die vielen Kameras der Fernsehanstalten hatten gar keine Bilder des Vorfalls eingefangen. Allein Fotografen hatten Di Canio dokumentiert, wie er die gegnerischen Roma-Fans mit dem ausgestreckten Arm provozierte, auf dem die Tätowierung „Dux“ (Lateinisch: Führer) prangt. Am Tage nach dem Derby hatte Di Canio mit einem Megafon zu den 5000 begeisterten Lazio-Fans gesprochen, ein lokaler Radiosender übertrug live. Di Canio beendete seine Rede mit den Worten: „Kraft und Ehre.“

Inzwischen sichtet die römische Antiterroreinheit das Videomaterial vom Derby – wegen des Verdachts der Verherrlichung des Faschismus, was in Italien ein Straftatbestand ist. Der italienische Fußball-Verband hat ebenfalls eine Untersuchung eröffnet, der Europäische Fußball-Verband Uefa drängt auf eine schnelle Klärung des Falls.

Seit Jahren sei in Italien eine schleichende Revision des Faschismus zu beobachten, sagt der Turiner Historiker Nicola Tranfaglia. Tatsächlich ist das Grab von Benito Mussolini in Predappio zur Pilgerstätte von alten und jungen glühenden Anhängern des Begründers der faschistischen Partei geworden. Dass der italienische Faschismus mittlerweile eine andere Wertung erfahren hat, belegt auch die Ernennung von Gianfranco Fini zum Außenminister. Lange Zeit hatte sich Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi gewehrt, den Führer der früheren neofaschistischen Partei „Movimento Sociale“ zum Außenminister zu ernennen. Nach der Umbenennung seiner Partei in „Alleanza Nazionale“ wurde erst die Partei regierungsfähig und nun sogar ihr Parteiführer. Der Fußballer Di Canio, glauben Kritiker, dokumentiere nur das, was politisch in Italien längst akzeptierte Realität sei.

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