Babak Rafati : Schock für den deutschen Fußball

Schiedsrichter Babak Rafati hat versucht sich umzubringen, das Spiel zwischen Köln und Mainz wird kurzfristig abgesagt. Die Motive sind unklar, sein Leben scheint gerettet.

von , und Christiane Mitsatelis
Immer wieder im Fokus. Babak Rafati pfiff bislang 84 Spiele der Bundesliga. Für seine Leistungen und sein Auftreten wurde er öffentlich öfter kritisiert.
Immer wieder im Fokus. Babak Rafati pfiff bislang 84 Spiele der Bundesliga. Für seine Leistungen und sein Auftreten wurde er...Foto: dapd

Es war 15.08 Uhr, als der Mannschaftsbus des FSV Mainz 05 aus der Tiefgarage des Kölner Stadions fuhr. Ein paar Menschen applaudierten höhnisch, andere buhten. Es hatte sie verärgert, dass das für 15.30 Uhr am Samstag angesetzte Bundesliga-Spiel beim 1. FC Köln abgesagt worden war. Den traurigen Hintergrund kannten sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Was zunächst ein Gerücht war, bestätigte die Polizei am Nachmittag: Der für die Partie eingeteilte Schiedsrichter Babak Rafati hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Der 41-Jährige wurde am Samstagmittag nach Medienberichten in einem Kölner Hotel gefunden. Die Polizei bestätigte am frühen Abend, er sei außer Lebensgefahr.
Seine Assistenten hätten ihn vor dem Spiel gefunden und gerettet, berichtete Theo Zwanziger. Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), der nach Köln geeilt war und dort eine Pressekonferenz gab, nannte am Abend weitere Details zum Hergang. Der Tagesspiegel verzichtet mit Blick auf den Kodex des Presserates, der bei Selbsttötungen eine zurückhaltende Berichterstattung insbesondere bei der „Schilderung näherer Begleitumstände“ fordert, darauf, diese zu verbreiten. Nach Angaben Zwanzigers sind Notizen im Hotelzimmer gefunden worden, ein Fremdverschulden sei ausgeschlossen. Die Kölner Polizei bestätigte nur einen Einsatz im Hotel „wegen einer verletzten Person“.
Rafati habe am Freitagabend noch mit seinen drei Assistenten Frank Willenborg, Holger Henschel und Patrick Ittrich im Hotel zusammen gesessen, berichtete Zwanziger. Diese hätten nichts Auffälliges bemerkt. Um 13.30 Uhr habe dann die Team-Besprechung stattfinden sollen. Als Rafati fehlte und auch nicht ans Telefon ging, hätten die Assistenten sofort gehandelt und mit Hilfe des Hotelpersonals die verschlossene Zimmertür Rafatis geöffnet. Sofort hätten die Assistenten Erste Hilfe geleistet und den Krankenwagen gerufen. Der Zustand Rafatis, der in einem Kölner Krankenhaus behandelt wird, galt lange als kritisch.
Rafati ist seit 1997 DFB-Schiedsrichter, seit 2000 wird er in der Zweiten Liga eingesetzt, seit 2005 in der höchsten deutschen Spielklasse. Sein Bundesligadebüt gab er bei der Partie 1.FC Köln gegen Mainz 05 – genau beim Duell jener Mannschaften, das er auch gestern leiten sollte. Symbolträchtig oder nur Zufall?

Stille im Stadion. Die Absage des Spiels wurde den Fans in Köln per Ansage und Anzeigetafel bekannt gegeben. Ein Nachholtermin steht noch nicht fest. Foto: dpa
Stille im Stadion. Die Absage des Spiels wurde den Fans in Köln per Ansage und Anzeigetafel bekannt gegeben. Ein Nachholtermin...Foto: dpa

Es wäre sein 85. Bundesligaspiel gewesen. 2008 stieg Rafati zum Fifa-Schiedsrichter auf, in dieser Saison hatte er allerdings noch keinen internationalen Einsatz, der DFB strich ihn von der Einsatzliste. Der 41-jährige Bankkaufmann, dessen Heimatverein die Spvgg Niedersachsen Döhren ist, war in der Öffentlichkeit und im Profifußball nie unumstritten.
Dreimal ist der iranisch-stämmige Hannoveraner in Umfragen des Fachmagazins „Kicker“ von den Bundesligaprofis zum schlechtesten Bundesligaschiedsrichter gewählt worden, zuletzt im Januar 2010. Rafati stand wiederholt wegen angeblich spielentscheidender Fehler in der Kritik, Fans auch von Hertha BSC bedachten ihn mit heftigen Schmährufen. Ein Bundesliga-Manager sagte einmal: „Er wirkt mit seiner Art und seiner Gestik manchmal etwas arrogant.“ Rafati hatte mal zu der Kritik an den Unparteiischen gesagt: „Hätte ein Schiedsrichter bei seinen Entscheidungen die gleiche Fehlerquote wie ein Stürmer bei den Versuchen, das Tor zu treffen, wäre er nach zwei Spielen weg vom Fenster.“ Schiedsrichter beschreiben Rafati als geradlinig, lernfähig und sehr lernbereit. Er überprüfe seine eigene Leistung immer wieder kritisch. Rafati hat einmal erklärt, wie er seinen Job betrachtet. „Ein Schiedsrichter muss souverän und selbstkritisch sein und darf sich von Kritik nicht beeindrucken lassen“, sagte er der „tageszeitung“. Am Ende würden sich jene Unparteiischen behaupten, „die die besten Nerven haben“.
Über die möglichen Motive für den Suizidversuch wurde am Samstag nichts Weitergehendes bekannt. Nach Informationen des Tagesspiegels gehörte Rafati nicht zu jenen 21 Schiedsrichtern und Assistenten, die auf jener Liste stehen, die der frühere Schiedsrichter-Obmann Manfred Amerell der Steuerfahndung Augsburg übergeben hatte. Amerell hatte in monatelanger Arbeit Spiele untersucht und den Steuerexperten seine Ergebnisse mitgeteilt. Die Fahnder waren damit in der Lage abzugleichen, ob die Unparteiischen die Honorare aller Spiele, bei denen sie eingesetzt waren, versteuert hatten. Daraufhin gab es Durchsuchungen bei mehreren renommierten Referees und beim DFB. Rafati ist wie alle anderen Bundesliga-Schiedsrichter vom DFB zu den Vorwürfen befragt worden. Von 49 befragten Unparteiischen haben nach DFB-Angaben bei Gesprächen 42 mitgeteilt, dass sie keinerlei Probleme mit dem Finanzamt hätten. Die Behörden ermitteln weiter.

DFB-Chef Zwanziger konnte ebenfalls keine Angaben zum Motiv machen, fand aber eindringliche allgemeine Worte zur Lage der Unparteiischen: „Der Druck auf die Schiedsrichter ist sehr hoch.“ Dadurch gerieten manche Menschen leider aus der Balance. Mit Blick auf Rafati sagte er: „Es gilt zu hoffen, dass er zurückkehren kann ins richtige Leben.“
In Schiedsrichterkreisen ist Rafati immer wieder wegen der heftigen Angriffe auf ihn bedauert worden. Nach Angaben aus dem Umfeld soll Rafati aber auch familiäre Probleme gehabt haben. Aus dem Lagezentrum der Polizeidirektion Hannover wurde bestätigt, dass man den Auftrag bekommen habe, Rafatis Lebensgefährtin über den Suizidversuch zu informieren. „Ich bin tief betroffen von dieser Nachricht“, sagte der Vorsitzende seines Heimatvereins Niedersachsen Döhren, Herbert Ruppel, dem Sport-Informationsdienst. „Babak Rafati hat berufliche und private Angelegenheiten stets strikt getrennt. Ich kenne ihn nur als zugänglichen und sachlichen Menschen. Depressive Verhaltensweisen sind mir von ihm nicht bekannt.“
Der 1. FC Köln hatte um 13.45 Uhr eine erste Information über den Vorfall von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) erhalten. Als sich bald darauf herausstellte, dass kurzfristig kein Ersatz-Schiedsrichtergespann rekrutiert werden konnte, sagte die DFL das Spiel ab. Kölns Stadionsprecher Michael Trippel informierte die Zuschauer im Stadion um 14.40 Uhr – 50 Minuten vor dem geplanten Anpfiff. „Aus wichtigen Gründen“ könne das Spiel nicht stattfinden, sprach er in sein Mikrofon. Die Zuschauer grummelten ein wenig – und machten sich dann schnell auf den Weg aus dem Stadion. Wann das Spiel nachgeholt wird, ist noch offen.

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