Sport : Backfisch vor Steuerbord

Die Kieler Woche ist die größte Regatta der Welt – viele Besucher kommen aber nicht nur wegen des Segelns

Jutta Meier

Kiel. Matjesbrötchen und Backfisch – für viele sind die kulinarischen Spezialitäten bereits einen Besuch auf der Kieler Woche wert. Dass es sich bei dem Ereignis, das heute zu Ende geht, um die größte Segelregatta der Welt handelt, ist für sie nebensächlich. Sie bleiben in der Innenstadt, wo tagsüber ein kulturelles Programm mit einem internationalen Markt und Kinderfesten geboten wird und abends Spaß- und Trinkkultur bis zum Abwinken gewährleistet ist.

„Für viele ist die Kieler Woche nur noch eine Partymeile. Mir gefällt das nicht“, sagt eine Kielerin. Wer also dachte, die Kieler Woche sei ein reines Segelereignis, hat sich getäuscht. „Wir kommen fast jedes Jahr hierher und finden es gut, dass es hier beides gibt. Wir versuchen immer, Kultur und Sport miteinander zu kombinieren“, erzählt ein Ehepaar aus den Niederlanden.

Und das scheint für die meisten der Besucher zu gelten. Nur: Das Segeln war zuerst da. Die erste große Regatta wurde in Kiel 1882 ausgetragen. Und die Kieler Woche ist inzwischen ein Weltereignis. Jedes Jahr zieht sie die besten Segler aus der ganzen Welt an. In diesem Jahr waren es wieder rund 6000 Teilnehmer, die aus etwa 50 Nationen und mit mehr als 2200 Booten angereist sind. Darunter sind viele Europa- und Weltmeister, 24 sind Medaillengewinner bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney.

„Für uns ist die Regatta in Kiel immer ein besonderes Ereignis“, sagt Walter Böddener, deutschstämmiger Brasilianer und Betreuer des brasilianischen Olympia-Teams. „Das Klima zwischen den Menschen ist einfach angenehm, die Organisation ist perfekt und das Niveau immer sehr hoch.“

Das mit dem Klima stimmt. Menschen aus der ganzen Welt kommen im Hafen zusammen, basteln an ihren Booten, tauschen Erkenntnisse über neue technischen Errungenschaften oder, noch häufiger, Handynummern aus. Man scherzt und schäkert – denn viele sind im besten Flirt-Alter zwischen zwanzig und dreißig, und alle sehen gut aus: braungebrannt und windzerzaust.

Die gute Stimmung kann auch nicht stören, wenn einmal bei strahlendem Sonnenschein – eine Seltenheit auf der Kieler Woche – Flaute herrscht und der Start ständig verschoben werden muss: „Nächste Ansage in eineinhalb Stunden“, tönt es über die Lautsprecher. Die Segler horchen gespannt auf, aber keiner motzt, keiner mosert, alle ziehen sich wieder in ihre Grüppchen zurück, spielen Karten, albern herum. „Warum sollten wir uns aufregen. Wir können das Wetter doch eh nicht ändern“, sagt die Berliner Yngling-Seglerin Nadine Stegenwalner (Verein Seglerhaus am Wannsee) gelassen. „Das Warten lernt man als Segler mit der Zeit.“

Diese Gelassenheit überträgt sich auch auf die Besucher. „Wir finden das toll mit all diesen jungen Leuten“, sagt ein älteres Ehepaar, das aus Hamburg angereist ist. „Wie die an ihren Booten zupacken, die machen richtig Action.“ Dass die Rennen alle weit von der Küste entfernt ausgetragen werden und die Zuschauer somit außer einigen weißen Punkten am Horizont nicht wirklich viel davon sehen, stört das Paar nicht. „Wir sehen denen einfach gerne zu, wenn sie rausfahren und abends wieder in den Hafen zurückkehren.“

Dabei geht es in diesem Jahr in den olympischen Bootsklassen sogar um richtig viel. Ein Jahr vor den Olympischen Spielen in Athen ist die Kieler Woche gerade für die Kaderathleten des Deutschen Seglerverbandes (DSV), zu denen auch Nadine Stegenwalner und ihr Team in der Yngling-Klasse gehören, besonders wichtig. Für die Yngling-Klasse ist die Kieler Woche eine Ersatz-EM, ein Platz unter den ersten fünf daher wichtig für die Olympia-Qualifikation. Für die Kader-Segler der anderen Bootsklassen gilt es, sich vor der EM im französischen Brest in einer Woche noch einmal mit den Besten ihrer Klasse zu messen und sich für die Pre-Olympics im August in Athen zu qualifizieren.

Das zu verfolgen, geht vielen Zuschauern aber schon zu weit. Sie sind froh, wenn sie verstanden haben, dass es verschiedene Bootsklassen gibt, die Namen wie Tornado, Laser, Europe, Finn, Mistral und Star tragen oder mit den Kürzeln 49er, 470er und 2.4 mR bezeichnet werden. Und dass diese sich durch ihre Länge, Breite, Segelfläche und Anzahl der Segler unterscheiden.

Wenn ihnen der Nebenmann in den braunen Mokassins – die, neben der verspiegelten Sonnenbrille, den Segler verraten – dann auch noch etwas von Großschot, Luv und Lee erzählen will, lehnen sie dankend ab und beißen lieber noch mal herzhaft in ein Fischbrötchen – um das zu bestellen, braucht man wenigstens nicht so viele Fremdwörter.

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