Sport : Backfische vor dem Tor

Oliver Kahn fühlt sich gestört, Rudi Völler verordnet Harmonie

Daniel Pontzen

Herzogenaurach. Der Wind trug das Gekreische aus hunderten Kinderkehlen in seinen Strafraum, für einen Moment verwirrte es Oliver Kahn. Er drehte sich zur Haupttribüne des Frankenstadions, und als er sah, wie eine gut tausendköpfige Abordnung fränkischer Backfische der Popband Bro’Sis zujohlte, die das Training der Nationalmannschaft besuchte, schaute sich der dem Jugendalter entwachsene Torwart die Szene verständnislos an. Der Mann verabscheut Ablenkung vom Wesentlichen, wenn es um seinen Beruf geht, und nach seiner Auffassung teilten diese Einstellung zuletzt zu wenige bei Spielen der deutschen Nationalelf, die heute in Nürnberg ihr EM-Qualifikationsspiel gegen Litauen (19 Uhr, live im ZDF) bestreitet. „Einige müssen aufwachen und verstehen, worum es in Länderspielen geht. Ich habe nicht das Gefühl, dass das alle auf dem Platz erkennen“, hatte er nach dem 1:3 gegen Spanien Mitte Februar gepoltert.

Nach drei Tagen gemeinsamer Vorbereitung in Herzogenaurach, in dessen Beschaulichkeit sich kein böser Geist verirren kann, konstatierte Kahn: „Wir haben hochkonzentriert gearbeitet, wir haben schließlich noch die WM-Qualifikation im Kopf.“ Die war der deutschen Elf erst über die Relegation gegen die Ukraine gelungen. Zu seiner Kritik sagte Kahn, das sei „eine sehr heftige Reaktion“ gewesen. „Manchmal schießt man eben über das Ziel hinaus.“ Dietmar Hamann vom FC Liverpool, erstmals seit dem 2:0-Hinspielsieg in Litauen im September 2002 wieder dabei, war über die Generalkritik von Kahn verärgert. „Solche Aussagen bringen uns nicht weiter“, sagte er am Donnerstag. Teamchef Völler wollte keine atmosphärischen Störungen geortet haben. Sorgen bereitet ihm eher die Personallage. Nach der frühzeitigen Absage von Michael Ballack mussten im Lauf der Woche die angeschlagenen Christoph Metzelder und Jens Jeremies (Kniebeschwerden) abreisen. „Wir werden etwas zusammenbasteln müssen“, sagte Völler.

Wie diese Mannschaft dann aussehen wird, vor allem wo der zuletzt überragende Torsten Frings seine Kreise ziehen wird, verriet Völler nicht. Von Anfang an – so viel sagte er aber doch – wird Tobias Rau spielen. Mit vollem Einsatz. Wie Oliver Kahn.

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