Sport : Bälle wie Bonbons

Mit drei Toren widerlegt Schalkes Raúl alle Kritiken

Richard Leipold[Gelsenkirchen]
Sí, Señor. Bei Schalke ruft man Torschütze Raúl nur mit spanischer Anrede. Foto: dapd
Sí, Señor. Bei Schalke ruft man Torschütze Raúl nur mit spanischer Anrede. Foto: dapdFoto: dapd

Es kommt nicht selten vor, dass Kinder ihren Vater fragen: Bringst du uns was mit? Das kann sogar einem millionenschweren, hoch dekorierten Fußballprofi wie Raúl passieren. Als Mann, der sich fast alles kaufen kann, muss er sich etwas Besonderes einfallen lassen, ein paar Bonbons reichen da nicht. Was könnte er nur mitbringen? Einen Fußball zum Beispiel. Na ja, nicht irgendeinen Fußball, sondern einen, mit dem in der Bundesliga gespielt wurde, einer, den der berühmte Herr Papa dreimal in einem Spiel ins Tor befördert hat. Also schnappte er sich nach dem 4:0 des FC Schalke gegen Werder Bremen die Kugel und eilte zum Schiedsrichter mit der Bitte, sie als Souvenir mit nach Hause nehmen zu dürfen. „Ich habe ihn gefragt, ob ich das darf“, sagt Raúl. Knut Kircher habe „erst gelacht“, ihm dann aber „mit einer netten Geste den Ball gegeben“.

Der 33-Jährige wollte die Trophäe ja nicht für sich selbst. Es sei ihm „ein Herzenswunsch“ gewesen, gerade diesen Ball mit nach Hause zu bringen. Seine beiden Zwillinge hatten wenige Tage zuvor Geburtstag, Sohn Hugo am Spieltag selbst. Mit drei Toren und dem Ball im Gepäck dürfte der Stürmer auch daheim der Star gewesen sein. Noch nie, seit er in der Bundesliga kickt, ist der spanische Stürmerstar von gegnerischen Abwehrspielern so zuvorkommend behandelt worden wie in dieser Partie, in der ihm zum zehnten Mal in seiner langen Karriere drei Treffer in einem Spiel gelangen. Zuletzt war ihm das beim 4:2 von Real Madrid beim FC Sevilla im April 2009 gelungen.

Der aktuelle Dreierpack kam aber nicht nur dem Familienleben zugute, sondern auch dem Verein. Das geballte Erfolgserlebnis verzückte die Fans und zerstreute viele Zweifel, die aufgekommen waren. Mancher hatte schon befürchtet, Raúl gehöre eher ins Museum für moderne Fußballkunst als auf den Platz. Doch Trainer Felix Magath hatte diesen Schmähreden stets getrotzt und den Ausnahmespieler für sakrosankt erklärt – auch als Raúl zu lange im Mittelfeld umherirrte, statt wie neuerdings im Strafraum, seinem eigentlichen Einsatzort, Treffer zu setzen.

So autoritär Magath die Mannschaft und den Klub führen mag, Raúl genießt einen Sonderstatus. Auch wenn sein Weltruhm allmählich verblasst, gilt er in Gelsenkirchen als außergewöhnlich. Er entscheidet selbst, ob und wo er spielt, ob hinter den Stürmern oder in der Spitze. Aber wenn er sich als Strafraumstürmer profiliert, ist es Magath am liebsten. „Man hat gesehen, dass Raúl weiter vorne seine Fähigkeiten am besten entfalten kann.“ Wenn ein Tor von ihm vermeldet wird, zeigt auch der Stadionsprecher Ehrfurcht und nennt den Schützen „Señor Raúl“. Für Magath, der Raúl von Anfang an zum Fixpunkt der neuen Mannschaft erklärt hat, kommt der Erfolg nicht überraschend. „Ich habe nie an ihm gezweifelt“, sagte der Trainer nach dem Sieg über Bremen, der Schalkes Geschicke in der Liga wenden könnte und zudem Mut macht für den Schluss-Spurt in der Gruppenphase der Champions League. Für Magath keine Überraschung. „Schon an seinen Trainingsleistungen war zu erkennen, dass Raúl nichts von seiner Torgefährlichkeit eingebüßt hat.“ Mit nun sechs Treffern in 13 Ligaspielen ist nun auch seine Quote im Spiel wieder auf dem Niveau von jenen 228 Toren in 550 Partien, die ihn einst zu Reals Rekordtorschützen machten.

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