Sport : Bahnrad-Finale: Doppelsieg ohne Herzlichkeit

Hartmut Scherzer

Um 20.05 Uhr, Ortszeit Sydney, wurde erstmals die deutsche Hymne gespielt. Doch das erste Gold war kein rauschendes Ereignis, sondern eher eine etwas verklemmte Geschichte. Das lag am rein deutschen Rad-Finale in der 4000-Meter-Verfolgung, das der Berliner Robert Bartko erwartungsgemäß und mühelos gegen den Leipziger Jens Lehmann gewann. Seit knapp 24 Stunden hatte festgestanden, dass die Deutschen Gold und Silber auf der Radrennbahn abholen würden. Eine deutsche Formalität also mit der Wiederholung und dem gleichen Ausgang des WM-Endlaufs in Berlin vor zehn Monaten. Jens Lehmann hatte daher schon vor dem Start "ein erhebenes Gefühl" gespürt, "wenn man weiß, die eigene Hymne wird gespielt, egal ob man gewinnt oder verliert."

Die 6000 Zuschauer im ausverkauften Dunc Gray Velodrome verfolgten die deutsche Angelegenheit recht stumm und teilnahmslos, nachdem sie gerade ihren Landsmann Brad McGee in einem "great race" frenetisch zur Bronzemedaille gebrüllt hatten. Dem Endlauf fehlte diese Spannung, da Robert Bartko im zweiten Drittel der Distanz Jens Lehmann davonfuhr und sich seines Sieges sicher konnte, "als ich Jens drei Runden vor Schluss sah". 4:18,515 Minuten, olympischer Rekord, gegen 4:23,824 machen Bartkos Überlegenheit deutlich.

Dem deutschen Doppelsieg ging auch gemeinsame Herzlichkeit ab. Jeder drehte für sich vor der Siegerehrung mit einer deutschen Fahne seine Ehrenrunde. Anstatt auf dem Rad die Arme umeinander zu legen, beließen es die beiden Teamkameraden bei dem üblichen kurzen Handschlag im Vorbeifahren. Mit den Medaillen um den Hals und Blumen in den Händen radelten sie dann wenigstens Seite an Seite um das Oval.

Die aufgebaute Spannung unter Kameraden hatte sich offenbar noch nicht gelöst. "Es ist ein Nervenkrieg, wenn man sich ständig über den Weg läuft", gab Robert Bartko zu. Es herrscht ein gespanntes Verhältnis zwischen den beiden. Am Ende siegte der Berliner, "weil meine Nerven und meine Beine die besseren waren". Die Rivalität zwischen beiden, sie herrschte gestern. Doch schon tags darauf mussten Robert Bartko und Jens Lehmann wieder ein Herz und eine Seele sein, um mit der Qualifikation das Double, das Gold im Vierer, zu erobern. Denn Robert Bartko hat in Sydney die Chance, als zweiter Deutscher Doppel-Olympiasieger in der Verfolgung zu werden. Das hat bisher nur Gregor Braun geschafft, 1976 bei den Olmpischen Spielen von Montreal.

Bartko gegen Lehmann, das war das sentimentale Duell des jungen Helden gegen den alten Haudegen. Der 24jährige Champion, ledig, ist als Sportsoldat abgesichert. Der 32jährige Altmeister muss als Radprofi bei Sechstagerennen und Sachsen-Rundfahrt für den Unterhalt seiner Familie mit zwei Kindern sorgen. "Was soll ich sagen? Robert war heute einfach besser", sagte Lehmann. War Platz zwei in Sydney sein letzter großer Erfolg? Lehmann gab sich kämpferisch: "Ich bin zwar 32 Jahre alt, aber lange noch nicht müde. Mal sehen, wie lange ich noch Kraft habe. Ich denke noch lange nicht an das Karriereende."

Radprofi will Bartko nach den Spielen werden und auf die Straße wechseln. "Es beginnt eine neue Lehre." Der Olympiasieger weiß nur noch nicht bei wem, nachdem das Bonner Team Telekom ihm eine klare Absage erteilt hatte. "Das Team Telekom hat keine Aufgabe für mich."

Es störte Bartko - verständlich -, dass er in der Stunde seines größten Triumphes über Absagen und Angebote reden musste. "Ich habe gerade die Goldmedaille gewonnen, und muss das erst einmal verdauen." Beide hatten sie gepokert im Finallauf. Bartko war das Rennen langsam angegangen und hatte auf seine Stärke "hinten raus" vertraut. "Sie wie ich es im Trainibng geübt habe. Ich habe gepokert, und habe gewonnen." Lehmann hatte einen großen Gang getreten. "Es hat hinten raus nicht gereicht. Doch da die Siegerzeit besser als meine Bestzeit war, brauche ich dem nicht nachzutrauern. Ich habe gepokert, und dennoch eine Silbermedaille gewonnen."

Lehmann betonte "gewonnen". Denn acht Jahre lang habe er sich darüber geärgert, dass er die Silbermedaille in Barcelona - mit dem Vierer hatte er dort Gold geholt - damals als eine Niederlage angesehen hatte. "Ich hatte mir geschworen: Wenn ich das noch einmal erleben kann, dann ist Silber für mich ein Sieg. Und darauf bin ich jetzt stolz."

Das deutsche Finale von Sydney, es hatte nur zwei Sieger und keinen Verlierer.

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