Balco-Affäre : Kronzeuge Trevor Graham jetzt selbst angeklagt

Sprint-Trainer Trevor Graham brachte mit einer Probe die Balco-Doping-Affäre ins Rollen und half bei der Aufklärung – jetzt ist er selbst angeklagt.

Matthias B. Krause

Der Skandal frisst seine Kinder. Fast ein Jahr lang war er der große Unbekannte, dann wollte er seinen Ruhm mit der Welt teilen. Bei den Olympischen Spielen 2004 offenbarte sich der amerikanische Sprint-Coach Trevor Graham als der Mann, der den Stein im Dopingskandal um das Balco-Labor in San Francisco ins Rollen gebracht hatte. „Ich bin nur ein Trainer, der das Richtige tut“, sagte er damals. Balco-Chef Victor Conte und seine Helfer haben mittlerweile ihre Gefängnisstrafen abgesessen, ein Dutzend Athleten im Umfeld der Affäre mussten entweder zugeben, illegale Mittel genommen zu haben, oder stehen unter starkem Verdacht. Nur Graham selbst inszenierte sich als der große Saubermann. Am Donnerstag klagte ihn nun der US District Court in San Francisco an, bei seiner Vernehmung in drei Fällen gelogen zu haben. Wird er verurteilt, drohen ihm bis zu 15 Jahre Haft und eine Geldstrafe in Höhe von bis zu 750.000 Dollar.

Der Angeklagte ist sich keiner Schuld bewusst. Sein Anwalt Joseph Zeszotarski beklagte in einem Statement: „Es ist sehr bedenklich, welchen Kurs die Regierung gewählt hat. Schließlich war es Trevor, der den Mut und die Aufrichtigkeit hatte, die Probe einzuschicken, die zu den Balco-Ermittlungen führte. Nun wird er so belohnt.“ Der zuständige Staatsanwalt Kevin Ryan in San Francisco hält dagegen: „Die heutige Anklage zeigt, dass unser Büro nicht nur entschlossen ist, jene anzuklagen, die in das illegale Doping unserer Athleten verwickelt sind, sondern auch die, die während einer Ermittlung Bundesbeamte belügen.“

Um Grahams Aussagen zu bekommen, hatten die Ermittler ihm offensichtlich Immunität angeboten. Die erstreckt sich jedoch nicht darauf, die Behörden in eigener Sache hinters Licht zu führen. Konkret soll Graham laut übereinstimmender Berichte amerikanischer Medien beteuert haben, dass er seinen Athleten nie selbst verbotene Mittel gegeben habe. Einen mutmaßlichen Drogendealer, den mexikanischen Diskuswerfer Angel Guillermo, will der Leichathletik-Trainer nie getroffen haben. Die Ermittler gehen laut Anklageschrift jedoch davon aus, dass Guillermo Graham „jahrelang“ mit leistungssteigernden Mitteln wie Steroiden und Wachstumshormon belieferte, die der dann an seine Kunden weitergab. Bei seiner Vernehmung vor der Grand Jury in San Francisco nannte Guillermo unter anderem die Namen des ehemaligen 100-Meter-Weltrekordlers Tim Montgomery, der Olympiasiegerin Marion Jones, ihres ehemaligen Ehemannes C. J. Hunter sowie der Sprinterin Michelle Collins, allesamt Graham-Kunden.

Der Trainer war zudem an einem Balco-Projekt beteiligt, das zum Ziel hatte, Montgomery zum schnellsten Mann der Welt zu machen. Der Sitzung wohnten damals Charlie Francis, der einstige Trainer des kanadischen Dopingsünders Ben Johnson, und ein als Doping-Experte geltender Bodybuilder bei. Trotzdem beharrte Graham darauf, seine Athleten nie gedopt zu haben. Diese Beteuerung wurde noch unglaubwürdiger, nachdem sein Schützling Justin Gatlin in diesem Sommer der Einnahme illegaler Substanzen überführt worden war. Mit dem 100-Meter-Weltrekordler sind mittlerweile knapp ein Dutzend von Grahams Kunden entweder wegen Dopings gesperrt oder stehen unter akutem Verdacht. Nach der Gatlin-Affäre kündigte Nike seinen Sponsorenvertrag mit dem Leichtathletik-Trainer, und das amerikanische Olympische Komitee verbannte ihn von seinen Trainingseinrichtungen.

Was Graham im Sommer 2003 dazu trieb, eine Spritze mit dem bis dahin unbekannten künstlich hergestellten Steroid THG an das Anti-Doping-Labor in Los Angeles zu schicken, liegt bis heute im Dunkeln. Allgemein wird vermutet, dass ihm weniger an der Sauberkeit seines Sports lag als vielmehr daran, lästige Konkurrenten loszuwerden. Doch der Strudel, den die Ermittlungen gegen Balco auslösten, wurde viel größer, als er es vorhersah. Und nun, drei Jahre später, droht er selbst darin unterzugehen.

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