Bald ohne Nationalhymne? : Blatter erhält Rückendeckung

Der Vorschlag von Fifa-Präsident Blatter, auf das Abspielen der Nationalhymne vor Länderspielen zu verzichten, erhält Unterstützung von Sportsoziologen. So könnten Beleidigungen vermieden werden.

Kassel - Fußball-Verbandspräsident Joseph Blatter hat für seinen Vorschlag, auf das Abspielen der Hymnen vor Länderspielen zu verzichten, Rückendeckung aus der Wissenschaft bekommen. «Von den Fans wird die Nationalhymne schlicht zur Provokation von Mannschaft und Fans des Gegners genutzt», sagte Professor Gunter A. Pilz in einem Interview mit der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen (Donnerstagausgabe). Der Fan-Forscher und Sportsoziologe aus Hannover erklärte, dass es sich um ein Problem handle, das insgesamt «ganz offensichtlich nicht in den Griff» zu bekommen sei. Auch wenn es «in Deutschland zum Glück etwas besser geworden ist mit den Pfiffen».

Nachdem es beim Ausscheidungsspiel zur WM-Qualifikation zwischen der Türkei und der Schweiz in Istanbul zu heftigen Ausschreitungen und Prügelszenen zwischen Spielern und Verantwortlichen gekommen war, hatte FIFA-Präsident Blatter das Abspielen der Hymnen in Frage gestellt. «Das war eine derartige Respektlosigkeit und eine Verletzung des nationalen Stolzes. Ich frage mich, ob es überhaupt noch Sinn macht, Nationalhymnen abzuspielen», hatte der Schweizer gesagt, nachdem es sowohl beim Hinspiel in Bern und anschließend in der Türkei zu gellenden Pfiffen gekommen war.

«Die Türken haben die Pfiffe in der Schweiz als Beleidigung empfunden», sagte Pilz und schlug als Alternative zu möglichen neutralen Spielorten auch eine längere Pause zwischen Hin- und Rückspiel vor. «Es ist generell problematisch, zwei solche Spiele in nur vier Tagen durchzuführen», sagte er. «Wahrscheinlich würde es reichen, wenn 14 Tage zwischen Hin- und Rückspiel gelegt werden, damit die Situation sich wieder beruhigen kann.»

Pilz, der gegen den türkischen Nationaltrainer Fatih Termin eine lebenslange Sperre forderte («Er hat im Vorfeld des Rückspiels alles getan, die Stimmung richtig anzuheizen»), erklärte, dass die deutschen Anhänger die Hymne nicht zur Identifikation mit der Nationalmannschaft bräuchten. «In anderen Nationen wie etwa der Türkei ist das natürlich ganz anders. Schauen sie sich da nur die Gesten an. Die legen die Hand ans Herz und sind ergriffen.» Einen möglichen Ausschluss der Türkei hält Pilz für übertrieben. «Aber sie müssten mehrere Spiele auf neutralem Boden und ohne Zuschauer austragen.» (tso/dpa)

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