Sport : Ball am Fuß, New York im Kopf

Warum musste sein Team am 11. September Fußball spielen? Huub Stevens, damals Trainer von Schalke 04, weiß es heute noch nicht

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Von Sven Goldmann

und Robert Ide

Huub Stevens ist wie immer gut vorbereitet. Der Fußballtrainer hat den sportlichen Gegner analysiert, er hat Spione in fremde Stadien geschickt, und er hat seiner Mannschaft Videos über die Laufwege der Gegenspieler vorgeführt. Doch dann, im Hotel, nur ein paar Stunden vor dem wichtigen Spiel, läuft plötzlich ein ganz anderer Film: Flugzeuge, Hochhäuser, Trümmer, Tote.

Es ist der 11. September 2001. Soeben sind zwei Flugzeuge ins World Trade Center von New York gerast, ein weiterer Jet krachte ins Pentagon in Washington. Der schlimmste Terroranschlag der Geschichte erschüttert die Welt – und am Abend soll Huub Stevens mit seiner Mannschaft, dem FC Schalke 04, gegen Panathinaikos Athen die europäische Fußball-Saison eröffnen. „Macht die Fernseher aus“, weist der Trainer seine Spieler im Mannschaftshotel an. „Macht sofort die Dinger aus.“ Doch es ist zu spät.

Die Dinger bleiben an. Der Trainer hat die Macht über seine Mannschaft verloren. „Wir haben den ganzen Tag vor dem Fernseher gesessen und alles live miterlebt“, erinnert sich Kotrainer Holger Gehrke. Vom Spiel gegen Panathinaikos redet nun keiner mehr, alle erwarten stündlich die Absage. „Wie sollten wir denn in dieser Situation Fußball spielen?“, fragt Stevens. „Wir hatten doch alle die Bilder aus New York im Kopf.“

Seit Wochen ausverkauft

Sofort versucht Stevens, gegen die Bilder anzugehen. Er redet auf die Spieler ein, erinnert sie an die verabredete Taktik, appelliert an ihre Disziplin. „Ich wollte die Bilder wegkriegen“, erinnert sich Stevens. Er stockt. „Aber das ging natürlich nicht.“

Der Perfektionist Huub Stevens sieht sich plötzlich vor einer Situation, „wie ich sie mir nie hätte vorstellen können“. Es gibt auf einmal etwas Wichtigeres als Fußball, als das nächste Spiel. Noch heute fällt es ihm schwer, das einzugestehen.

Warum musste an diesem Abend überhaupt Fußball gespielt werden? Warum wurde alles nicht einfach abgesagt? Der europäische Fußball-Verband Uefa ist zunächst unsicher. Stundenlang diskutieren die Funktionäre, wie man mit den acht angesetzten Begegnungen der Champions League umgehen sollte. Nach der letzten Krisensitzung unter Leitung von Generalsekretär Gerhard Aigner gibt die Uefa eine Erklärung ab: „Die Spiele am Abend sollen wie geplant ausgetragen werden, aber wir werden fortfahren, die Entwicklung zu beobachten.“ Begründet wird die Nicht-Absage mit einem in diesem Augenblick seltsam anmutenden Begriff: der Neutralität des Sports. Einen Tag später wird Aigner seinen Fehler eingestehen. Die für den Mittwoch geplanten Spiele werden abgesagt. Aber da ist es zu spät für Huub Stevens und den FC Schalke 04.

Die Schalker Spieler wehren sich, sie versuchen es jedenfalls. Sie gehen zu ihrem Manager Rudi Assauer. Dieser würde das Spiel absagen, aber er darf nicht. Die Uefa ist Veranstalter. „Wenn die sagen, dass wir spielen, dann müssen wir spielen“, sagt Huub Stevens. So einfach ist das. Und so schwer.

Holger Gehrke hat früher Schalkes Tor gehütet, und er erinnert sich an einen Besuch hoch oben auf dem World Trade Center. Irgendwann in einer verlängerten Sommerpause, Gehrke hatte Zeit, ein Beinbruch musste ausheilen. Mein Gott, ein Beinbruch! Der Fernseher läuft weiter. Bundeskanzler Schröder spricht, bewegt und verstört. „Da habe ich noch gedacht, dass wir nicht spielen müssen“, sagt Schalkes Mittelfeldspieler Andreas Möller. Doch die Uefa bleibt hart. Zwei Stunden vor dem Spiel ruft Huub Stevens seine Mannschaft zur Abfahrt.

Das Stadion ist ausverkauft, seit Wochen schon. 52 333 Zuschauer haben sich auf den großen Tag gefreut. Das erste Champions- League-Spiel in der Vereinsgeschichte, und das in der neuen Arena Auf Schalke, die erst vor ein paar Wochen eingeweiht worden ist. Eine Party ist geplant, aber die für ihr Talent zur Improvisation berühmten Schalker Fans und die Organisatoren aus der Vereinsführung, sie reagieren intuitiv alle gleich. Die Party muss ausfallen. Vor- und Rahmenprogramm werden gestrichen, die Choreografie aus blau-weißen Fahnen und im Takt geschlagenen Trommeln wurde umsonst einstudiert. Gehrke erinnert sich an die gedämpfte Klaviermusik, die beim Einlaufen gespielt wird. Er versucht, sich in die Lage der Fans zu versetzen, „mein Gott, die haben sich seit Wochen auf das Spiel gefreut“.

Rolf Rojek winkt ab. „Wir hatten keine Lust mehr zu feiern“, erinnert sich der Schalker Fanklub-Chef. „Wir hatten auf gar nichts mehr Lust.“ Der Stadionsprecher verliest einen kurzen Text, in dem den Familien der Opfer das Mitgefühl der beiden Vereine ausgesprochen wird. Danach werden die Aufstellungen der Mannschaften angekündigt – in ruhigem Ton, ohne Jubel. Die Zuschauer applaudieren zögerlich, fast beiläufig. Es gibt eine Schweigeminute.

In der Arena steht eine kleine Kapelle. Sie bleibt leer an diesem Abend, das Stadion ist noch neu. Die Spieler beider Mannschaften laufen ein, versammeln sich im Mittelkreis und verschränken die Hände hinter dem Rücken. Unbeholfene Trauer. Rojek sieht auf das Spielfeld, doch alles kommt ihm sinnlos vor. Mit seinen Kumpels im Fanblock unterhält er sich über die Menschen in New York, die sich aus Angst vor den Flammen aus dem World Trade Center gestürzt haben. Sie denken darüber nach, ob sie auch gesprungen wären oder ob sie bis zuletzt gehofft hätten.

„Du musst, du musst, du musst“

Auf den Tribünen ist der Tod das Thema – und unten wird ein Fußballspiel angepfiffen. „Vorher war das für uns so ein wichtiges Spiel, und dann war alles ausgeblasen – wie eine Kerze.“ Rolf Rojek schweigt.

„Ja, die Fans waren bedrückt“, sagt Manager Rudi Assauer. Die sonst so laute Unterstützung ist weg, nach dem ersten Gegentor gibt es kaum Aufmunterung. Es kommt zu einer Premiere in der Schalker Vereinsgeschichte. Den Fans ist ihre Mannschaft egal. Der traditionelle Schlachtruf „Attacke“ hallt nur leise durchs Stadion. Huub Stevens sagt heute: „Es war ein Spiel, das eigentlich keinen interessiert hat.“

Unten auf dem Rasen versuchen die Spieler, ihrer Rolle gerecht zu werden. Doch viele können nicht. Andreas Möller steht völlig neben sich, kein einziger Pass von ihm kommt bei seinen Mitspielern an. Möller ist ein Spieler, über dessen sensiblen Charakter oft und gern gelacht wird. Heute lacht keiner. Nach einer Stunde Spielzeit nimmt Stevens seinen Spielmacher vom Feld. „Mir wurde bewusst, was heutzutage möglich ist“, sagt Möller nach dem Abpfiff in die Mikrofone der Reporter. „Wir bewegen uns zwischen Glassplittern. Es kann alles passieren, auch das Unvorstellbare.“

Selbst Huub Stevens, der Mann, der immer 100 Prozent Fußball denkt, ist mit seinen Gedanken bei den Flugzeugen. Er spürt, dass es nicht richtig ist, dieses Spiel auszutragen, als sei nichts geschehen. Doch er spürt auch, dass es wohl das Beste wäre, so gut wie möglich abzuschneiden. Fußball ist sein Job. „Du musst, du musst, du musst“ – das sagt Huub Stevens auf der Trainerbank immer wieder zu sich selbst. Und: „Das Leben geht doch weiter.“

Auch die Schalker tun sich schwer. Nicht einen einzigen Schuss geben sie auf das Tor der Athener ab. Die Gäste gewinnen locker mit 2:0. Sportlich gesehen geht dem FC Schalke 04 ein wichtiges Match verloren, schon nach der Vorrunde sollte der Klub aus dem Wettbewerb ausscheiden. Nach dem Spiel tanzen die Athener Spieler auf dem Rasen, sie bejubeln ausgiebig ihren Sieg. Stevens schaut mit starrem Blick zu ihnen hinüber und denkt nur: „Die sind besser mit der Sache umgegangen.“ Vielleicht ist die Mannschaft aus Athen in diesem Moment einfach professioneller. Auch wenn Stevens das ein Jahr später nicht zugeben will – es ärgert ihn immer noch.

Huub Stevens, den Holger Gehrke einen „preußischen Holländer“ nennt, hat sich später oft das Video dieser Partie angeschaut. Das Spiel analysiert – ohne die Flugzeuge im Hinterkopf. Ein paar Tage später ist das möglich, am Abend des Spiels noch nicht. Natürlich hat Stevens die Fehler gesehen, die vielen Fehler, die seine Spieler an diesem Abend gemacht haben. Doch soll ein Trainer seinen Spielen deshalb Vorwürfe machen? Soll er die Schuldigen an der Niederlage benennen? Stevens weiß, dass das nicht geht: „Ich kann doch nicht einem Spieler ins Gesicht sagen: Warum bist du Mensch geblieben?“

Nach dem Spiel fährt Huub Stevens zurück ins Hotel. Allein. Die Familie, Frau und Kinder, ist weit weg in Holland, in Eindhoven. Stevens hat das nie gestört. Er ist gern für sich, allein mit seinem Videorekorder und den unzähligen Fußballbändern, aus denen er sein Wissen schöpft. Es stört ihn nicht, wenn keiner da ist, aber an diesem Abend ist alles anders. „Ich brauchte jemanden zum Reden. Ganz allein zu Hause sitzen und auf den Fernseher gucken, das ging doch nicht, nicht in dieser Nacht.“ Also ruft er zu Hause in Eindhoven an. Eine halbe Stunde dauert das Gespräch mit seiner Frau. Danach schaltet Stevens noch einmal den Fernseher an und schaut sich die Bilder aus Amerika an. Die Flugzeuge, die Trümmer, die Toten. Ein wenig denkt er auch über die Niederlage nach. Irgendwann, es ist schon nach Mitternacht, legt er sich in sein Bett. Er schläft gut in dieser Nacht. Huub Stevens schläft immer gut.

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