Sport : Ball werfen und Tee trinken

Einst Spiel der Kolonialherren, ist Cricket heute auf Barbados Volkssport

Patrick Bauer

Andere Länder, andere Sitten: Auch im Sport gilt dieser Satz. Wir beschreiben in loser Folge, welche Sportarten Nationen prägen und warum das so ist.

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Manchmal fällt der harte Korkball ins Meer. Dann johlen Paul und seine Freunde, und einer von ihnen sprintet in das türkisblaue Wasser. Ihre Oberkörper sind frei, ihre Rastazöpfe ungestüm und der Sand unter ihren Füßen fein.

Barbados ist nicht nur für Urlauber ein Traum: Die Insel gehört zu den Kleinen Antillen, gelegen zwischen Atlantik und der Karibik, strahlend weiße Strände, der Himmel wolkenfrei, das Karibische Meer badewannenwarm. Auch für die Jungs, die sonst Souvenirs am Six Mens Strand verkaufen, könnte es gerade nichts Besseres geben. „Das ist Cricket, Mann!“, ruft Paul. Dabei scheint dieses Gewusel mit den abgenutzten Schlägern, flach wie ein Paddel, gar nichts gemein zu haben mit jenem komplexen Fang- und Wurfspiel des englischen Landadels, 1636 in Kent erstmals urkundlich erwähnt. Beim noblen Teamsport ging es darum, fair und elegant die vielen Regeln zu beachten und ab und an ein wenig zu laufen. Noch heute, wenn die Profi-Spieler im reinsten Weiß ihrer Pullunder und bügelglatten Leinenhosen auf dem Rasen beisammen stehen, ihre Beinschoner und Helme abgenommen haben, ist nicht ganz klar: Unterbricht die Tea-Break das Spiel oder das Spiel die Tea-Break?

Cricket ist auf der 278 000-Einwohner-Insel Barbados Volkssport, Trost, eine Religion vielleicht. Und ein großes Picknick. Familiär ist die Stimmung am Spielfeldrand, während der vielen Pausen bleibt Zeit für Small-Talk. Liming nennt sich das in der Karibik: abhängen, gepflegt beieinander sitzen. Beim Test Cricket, der höchsten Austragungsform auf internationaler Ebene, gehen die Spiele über fünf Tage. Der Kensington Ground in der Hauptstadt Bridgetown ist stets ausverkauft. Mit 15 000 Zuschauern. Die Spieler von Barbados stehen dann im Team der Westindischen Inseln, in einer Art Karibik-Auswahl. Obwohl die Bewohner benachbarter Inseln oft für Witze herhalten müssen, wird die gemeinsame Mannschaft begeistert angefeuert. Bis 1995 war sie 15 Jahre lang ungeschlagen.

Um elf Uhr beginnen die Matches und werden pünktlich um 17.30 Uhr beendet. Dazwischen eine 45-minütige Mittagspause und mehrere Unterbrechungen, die zum Teetrinken da sind. „Natürlich auch für isotonische Getränke“, sagt Tony Howard. Er ist Manager des Cricket-Verbands von Barbados und will es nicht unnötig kompliziert machen. Cricket ist schon kompliziert genug.

„Stellen Sie sich vor“, sagt Howard, „Baseball wäre kultiviert.“ Zwei Teams mit elf Spielern treten auf einem großen, ovalen Platz gegeneinander an. In der Mitte des Spielfeldes liegt die Pitch, ein 20 Meter langer und drei Meter breiter Streifen. An beiden Enden steht ein Wicket, eine kleine Konstruktion aus Holzstäben. Zwei Schlagmänner, Batsmen, des angreifenden Teams versuchen vor den Wickets, so viele Runs, also Punkte, wie möglich zu erzielen, indem sie die Seite wechseln, während die elf Verteidiger versuchen, den geschlagenen Ball zurück zur Pitch zu werfen. Cricket ist Brennball mit Hindernissen. Die Hindernisse sind die vielen Sonderregeln, die festlegen, wann ein Schlagmann ausscheidet, etwa wenn ein Bail, ein Querstab, vom Wicket fällt. Die Schiedsrichter, die Umpires, tragen ulkige weiße Kittel, aber ihnen zu widersprechen: undenkbar. Das ehrwürdige Regelwerk „Law of Cricket“ mit seinen Fachbegriffen umfasst gut 100 Seiten.

Neben England spielen noch neun Nationen First-Class-Cricket: Australien, Südafrika, die Westindischen Inseln, Neuseeland, Indien, Pakistan, Sri Lanka, Simbabwe und Bangladesch. Alle gehören zum Commonwealth. Das Britische Imperium, wird auf dem europäischen Festland gespottet, sei nur entstanden, weil die Engländer jemanden suchten, der mit ihnen dieses absurde Spiel bestreitet.

Es liegt wohl nicht zuletzt am Cricket, dass das seit 1966 unabhängige Barbados zutiefst englisch geblieben ist – obwohl dieser Sport ein aufgezwungener war. Britische Truppen übernahmen 1652 die unbesiedelte Insel, ließen afrikanische Sklaven auf Zuckerplantagen arbeiten und exportierten Rum. Wie auch in anderen Kolonien merkten die Engländer, dass ihr geliebter Sport in der Ferne nützlich sein könnte. Lord Harris, später Gouverneur von Bombay, sagte, Cricket könne das gesamte Empire zusammenhalten und bringe den Untertanen die nötige Disziplin bei. Die so genannten Wilden durften für die Herrschaften die anstrengenden Würfe ausführen, bei denen der Ellbogen ständig durchgedrückt sein muss. Wohl kein anderer Sport eignete sich besser dafür, in Kontakt mit Untergebenen zu treten, ist doch Cricket ein Spiel ohne Körperkontakt. Es passiert nicht viel. „Für euch Außenstehende“, sagt John Howard fast verteidigend.

Den 53 Commonwealth-Ländern hat das trotz moderner Varianten antiquierte Cricket im Medienzeitalter sein Überleben zu verdanken. Sie haben sich den Gentleman-Sport zu Eigen gemacht. „Das Weiß der Trikots bildet zum Schwarz unserer Haut längst keinen Kontrast mehr“, sagt Howard. Die Engländer unterlagen 1877 erstmals einem ausländischen Team: Australien, heute Weltranglistenerster. Eine Schande, anschließend wurde symbolisch das Wicket verbrannt und die Asche in einen Pokal gefüllt. Noch heute wird darum gespielt.

Barbados mag bunt sein, die Holzhäuser in knalligen Farben gestrichen, und manchmal scheinen die Tage eine einzige Party zu sein. Doch es herrscht ebenso Armut und Kriminalität. Cricket, sagt Tony Howard, macht da Mut. Garfield Sober, in den Fünfzigern ein legendärer Allrounder, wurde von Queen Elizabeth zum Sir geadelt. „Cricket hat uns zu einer selbstbewussten Nation gemacht“, sagt Howard. An den staubigsten Straßen und in den abgelegensten Dörfern steht immer irgendwo ein Wicket.

An der Six Mens Bay geht schon die Sonne unter, da machen Paul und seine Freunde eine letzte Pause. „Super ist, dass man beim Cricket oft entspannen kann“, sagt Paul. Doch er mag keinen Tee. Stattdessen raucht die Gruppe Marihuana. Kiffen während der Tea-Break. Lord Harris wäre entsetzt gewesen.

Bisher erschienen in unserer Serie: Thaiboxen in Thailand (12.6.), Pétanque in Frankreich (14.6.), Badminton in Indonesien (18.6.), Hurling in Irland (20.6.), Eisschnelllaufen in den Niederlanden (24.6.), Football in den USA (26.6.), Laufen in Kenia (10.7.), Stockkampf in Südafrika (15.7.) und Glíma-Ringkampf in Island (24.7.).

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