• BALL Zeitung: Ein Sprint ins Viertelfinale Die Russen laufen und lernen in rasendem Tempo

BALL Zeitung : Ein Sprint ins Viertelfinale Die Russen laufen und lernen in rasendem Tempo

Frank Hellmann

Österreich ist raus, Deutschland im Viertelfinale. Die Basler Zeitung zeigt in ihrer Spielanalyse profunde Kenntnisse in Sachen Geografie und Geschichte:

„Wien 2008 ist nicht Cordoba 1978.“

Mann des Spiels ist für das dänische Ekstra Bladet der Ballistiker Ballack:

„Klasse zeigte vor allem Ballack als Individualist und Führungsspieler. Mit einer

Explosion nach kurzer Zündung. Was für

ein Tor! Genau ins Eck wie ein Projektil mit Raketentempo.“

Hundert Prozent zufrieden mit der Leistung des deutschen Teams ist allerdings

niemand, auch nicht die dänische B.T.:

„Spielen die Deutschen aber weiter so wie hier, wird Portugal im Viertelfinale garantiert zur Endstation.“

Der italienische Corriere dello Sport lässt nach dem Ausscheiden von Österreich kein gutes Haar an den Austrägernationen: „Dies ist das schlechteste Ergebnis von zwei

Organisatoren einer internationalen Meisterschaft in der Geschichte des Fußballs. Ein volles Stadion und viel guter Wille genügten Österreich nicht, um den Sieg zu schaffen wie im Jahr 1978.“

Kein Wunder, das Österreichs Krone

trauert:

„Heldenhafter Kampf - aber kein Wunder! Der EURO-Traum ist geplatzt. Sie haben alles versucht, aber nichts erreicht. Mit Anstand, aber nicht mehr verabschiedet sich Österreichs Team von der Heim-EURO.“

Und auch die Polnische Dziennik ist nicht nach dem Ausscheiden gegen Kroatien in besonders guter Stimmung. Köpfe sollen

allerdings nicht rollen:

„Beenhakker muss bleiben. Es wäre das Schlimmste, was geschehen könnte.“

Für Freunde der Statistik ist diese Europameisterschaft eine helle Freude. Nach jeder EM-Partie werden so viele Spieldaten wie nie zuvor veröffentlicht – auch nach dem Sieg der Russen gegen Griechenland gab es Statistiken zu Ballbesitz, Laufleistungen, Passquoten oder Geschwindigkeiten. Das Erstaunliche: Die Daten deckten sich mit den Erkenntnissen Otto Rehhagels. „Die Russen sind alles glänzende Fußballer und tolle Sprinter“, erklärte der griechische Oberlehrer, „da können wir nicht mithalten.“ In der Tat waren die Russen auch auf dem Statistikblatt klar überlegen: Sie hatten mehr Ballbesitz, waren in der Summe mehr und im Durchschnitt schneller gelaufen, hatten mehr Pässe an den Mann gebracht und häufiger aufs Tor geschossen. Vom ästhetischen Genuss mal ganz abgesehen, den Rehhagel so beschrieb: „Das sind super Jungs. Da wird sich noch so mancher umgucken.“ Möglicherweise schon heute um 20.45 Uhr in Innsbruck die Schweden. Und weil Kollege Guus Hiddink dieser Sprintstaffel eine passende Taktik verpasst hat, sind die Russen gar der Favorit im Entscheidungsspiel der Gruppe D – auch wenn Hiddink sein zum Siegen verdammtes Team gegen die erfahrenen Skandinavier als „krassen Außenseiter“ sieht.

Doch das dient eher der bewussten Irreführung. Die holländische Handschrift ist bei den unverbrauchten russischen Kräften mit einem Durchschnittsalter von 22,9 Jahren. „Wir spielen guten, kreativen Fußball mit viel Bewegung. Wir agieren statt zu reagieren“, stellt Hiddink erfreut fest, „es läuft in die richtige Richtung.“ Geht alles glatt, dann winkt ein Viertelfinale gegen die Niederlande, noch ist das dem 61 Jahre alten Taktiker „eine Brücke zu weit“. Was indes für den Gegner der deutschen Mannschaft zur WM-Qualifikation 2010 spricht: Diese Elf scheint in rasendem Tempo zu lernen. „Wir können zur Bereichung für den Fußball in Europa werden“, glaubt der Nationaltrainer.

Das ging nicht nur den in der EM-Qualifikation gescheiterten Engländern zu schnell: Die Russen mit den Nummern 17, 18 und 19 auf dem Rücken entwischten den Griechen so oft, dass manch einer kaum den Namen erkannt haben dürfte. Dabei stehen diese Kräfte längst in den Notizbüchern vieler Scouts. Konstantin Syrjanow, die 17 von Zenit St. Petersburg, schoss das entscheidende Tor. Juri Schirkow von Spartak Moskau, die 18, der flinke Irrwisch auf links, gab die Flanke. Und Roman Pawljutschenko, ebenfalls Spartak, die 19, war bester Mann auf dem Platz und so gut, dass möglicherweise der nach Ablauf seiner Sperre wieder spielberechtigte Andrej Arschawin gar nicht gebraucht wird. „Ich weiß es noch nicht“, sagt Hiddink zu den Einsatzchancen des Kapitäns. Der wuselige Mittelfeldspieler wäre auch einer jener Offensivkräfte, die in anderthalb Stunden locker zehn, elf Kilometer zurücklegen, erhebliche Strecken in allerhöchstem Tempo. Aber keiner spurtet derzeit so viel wie Arschawins Ersatz Pawljutschenko, der einst England auf dem Moskauer Kunstrasen zwei Tore einschenkte. Der Schlaks ist persönlich vom gewichtigen Coach fit für die EM gemacht worden. „Ich treibe ihn jeden Tag auf respektvolle Art und Weise an. Wir sind deshalb schon oft aneinander geraten.“ Doch die Früchte der Arbeit sind so rasch sichtbar geworden, dass der Niederländer gar Neidgefühle hegt. „Ich hätte auch gerne vier Kilo in den vergangenen drei Wochen verloren.“ Frank Hellmann

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