Sport : Ballack macht Angst

Der Star ist verletzt – nichts fürchtet Fußball-Deutschland so wie sein Fehlen

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Im Trainer Jürgen Klinsmann steckt immer noch jede Menge vom Fußballer Jürgen Klinsmann. Er ist forsch wie einst, jederzeit optimistisch, und so wie der Stürmer K. manchmal schneller war als der Ball, so ist auch der Trainer K. gelegentlich der Realität weit enteilt. Gestern Vormittag verkündete Klinsmann hoch offiziell, dass die Verletzung von Michael Ballack nicht so schlimm sei und dass der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft am heutigen Samstag im Testspiel gegen Luxemburg schon wieder werde mitwirken können. Fünf Stunden später hatte die Realität den Bundestrainer wieder eingeholt. Nach einer Kernspintomografie in einem Genfer Krankenhaus wurde Ballack von den Ärzten der Nationalmannschaft eine drei- bis fünftägige Trainingspause verordnet. Der Kapitän fällt damit nicht nur gegen Luxemburg aus, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach auch am Dienstag in Leverkusen gegen Japan, beim vorletzten Test vor dem Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft. Am Freitag steht dann noch das Spiel gegen Kolumbien an.

Die Kernspintomografie bestätigte zwar nur die Diagnose vom Vortag, dass Ballack sich im Spiel gegen die A-Jugend von Servette Genf eine Kapselzerrung am linken Knöchel zugezogen hatte; die aus diesem Befund folgenden Konsequenzen fielen nach einer Beratung zwischen Ballack, dem Trainerstab und der medizinischen Abteilung jedoch anders aus. Als die Mannschaft gestern Nachmittag im Stade de Genève ihr Abschlusstraining für das heutige Spiel in Freiburg absolvierte, blieb der Mittelfeldspieler im Fitnessraum des Stadions, um für sein Comeback zu arbeiten. Ballack wird auch heute Vormittag nicht mit dem DFB-Tross nach Deutschland fliegen, sondern in Genf unter Anleitung des amerikanischen Fitnesstrainers Mark Verstegen ein spezielles Rehabilitationsprogramm bestreiten. „Wir hoffen, dass er in drei bis fünf Tagen wieder voll mit der Mannschaft trainieren kann“, sagte Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt.

Am Vormittag hatte Klinsmann das Bulletin des Patienten Ballack noch mit ein paar Sätzen abgehandelt. „Wir wussten innerhalb einer Minute, dass es halb so wild ist“, behauptete er. Von einer Kernspintomografie wusste Klinsmann zu diesem Zeitpunkt nichts, auf Nachfragen reagierte er beschwichtigend: Eine solche Verletzung könne sich auch im Training jederzeit ereignen. Im Nachhinein wirkte der Bundestrainer bei seinem Auftritt in der Pressekonferenz fast fahrlässig desinformiert – als ginge es um einen Hinterbänkler aus dem Kader und nicht um den wichtigsten Fußballer des Landes.

Es ist schließlich so etwas wie die German Ur-Angst, dass Ballack bei der WM nicht spielen kann. Alles darf passieren – nur das nicht. Schon vor vier Jahren hatte der Mittelfeldspieler während der gesamten WM unter einer Fußverletzung zu leiden. Ballack konnte in Asien nie das volle Trainingsprogramm bestreiten; für die Spiele wurde er fitgespritzt. Trotzdem war er der überragende deutsche Feldspieler des Turniers. Ballacks Wert für die Nationalelf hat seitdem noch zugenommen, und wohl auch deshalb wollte die sportliche Leitung jetzt nicht das geringste Risiko eingehen. Die vakante Stelle im Mittelfeld wird gegen Luxemburg zunächst einmal Tim Borowski einnehmen. Klinsmann traut dem Bremer ohnehin „eine sehr wichtige Rolle“ in der Nationalmannschaft zu. In den nächsten Tagen ist es sogar die wichtigste.

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