Sport : Ballack und der weite Weg zum Tor

Michael Rosentritt

Berlin - Michael Ballack und Miroslav Klose fielen gestern aus der Rolle. Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft und ihr erfolgreichster Turnier-Torschütze schwänzten das Mannschaftstraining und absolvierten eine private Fitnesseinheit. Zweifel an der Unversehrtheit der beiden Führungsspieler seien unangebracht, hieß es aus der medizinischen Abteilung der Mannschaft. Gut möglich, dass die beiden Schlüsselspieler des momentanen deutschen WM-Erfolgs die Zeit genutzt haben, um über das bevorstehende Spiel gegen Argentinien zu plaudern. Überspitzt formuliert wird es von diesen beiden abhängen, ob der Spaß auch nach dem Viertelfinale seine Fortsetzung findet.

Es ist nämlich so: Ballack bekleidet bei dieser WM eine neue, sehr viel defensivere Rolle – zu Lasten seiner Strafraumpräsenz. Klose hat bei beiden Turnieren zusammen neun Tore erzielt, aber alle in der Vorrunde. Ballack war es, der vor vier Jahren die wichtigen Tore machte und die Mannschaft ins Finale schoss. Auch so war der Satz des damaligen Teamchefs Rudi Völler zu verstehen, dass alles passieren könne, nur Michael Ballack dürfe sich nicht verletzen.

Klose hat sich enorm weiterentwickelt, aber den Beweis, dass er auch in der so genannten K.-o.-Runde Tore erzielt, ist er schuldig. Gegen Schweden im Achtelfinale waren es die beiden Tore von Lukas Podolski, die Ballacks Torjägerqualitäten überflüssig machten. Allerdings ist gerade die Treffsicherheit des deutschen Sturms die Voraussetzung für den Luxus, Ballack tiefer stehen zu lassen. Mit einem defensiveren Ballack steht der gesamte Defensivverbund stabiler, die Mannschaft ist so in der Lage, den Gegner und damit das Spiel zu kontrollieren. Das ist das eigentliche Geheimnis des Erfolgs. Oder, wie es Per Mertesacker sagt: „Das fühlt sich gut an.“ Daraus seien Selbstsicherheit und -vertrauen erwachsen. „Wir wollen da weitermachen, wo wir aufgehört haben. Wir müssen gucken, dass wir unser Spiel durchbringen“, sagt der Innenverteidiger.

Torsten Frings pflichtet dem Hannoveraner bei. „So stark wie jetzt waren wir in den letzten zwei Jahren nicht.“ Der Bremer spricht von einem „fast perfekten“ Zusammenspiel mit Ballack, was dazu führte, dass „das Gelaber“ von der schlechten Abwehr verstummte. Im Nachhinein könnte man meinen, Deutschland habe die Gegentore von Costa Rica nur deshalb bekommen, weil Ballack in diesem Spiel nicht anwesend war.

In der Phase, „in der das Toreschießen immer schwieriger wird“ (Jürgen Klinsmann), wurden Ballacks Tore nicht benötigt. Das könnte sich gegen Argentinien ändern. Der Bundestrainer wird die eigenen Kräfte und die des Gegners abzuwägen haben. Sind die Argentinier so angriffsstark, dass Ballack eher als Stabilitätsfaktor gefragt ist, oder ist die Defensivkraft der Südamerikaner so groß, dass es vielleicht zu wenig ist, sich allein auf das Sturmduo zu verlassen. Und was, wenn Deutschland erstmals in Rückstand gerät? Die Lösung könnte sein, dass Ballack frei von taktischen Vorgaben entscheidet und intuitiv das Richtige tut. Klose dürfte nichts dagegen haben.

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