Ballack und Löw : Sie reden wieder

Michael Ballack und Joachim Löw haben sich nach ihrem Streit zu einem persönlichen Gespräch getroffen – angeblich hat sich die Situation zwischen Kapitän und Bundestrainer entspannt.

Stefan Hermanns
Vier-Augen-Gespräch von Ballack und Bundestrainer Löw
Gesprächsbedarf. Ballack, LöwFoto: dpa

Um Punkt 20 Uhr am Donnerstagabend kam die Nachricht, auf die Fußball-Deutschland gewartet hatte: Auf seiner Internetseite gab der Deutsche Fußball-Bund (DFB) bekannt, das Vier-Augen-Gespräch zwischen Nationalmannschafts-Kapitän Michael Ballack und Bundestrainer Joachim Löw habe stattgefunden. Was dabei herausgekommen ist, wollte der DFB offiziell aber noch nicht preisgeben. Ob Ballack weiter für Deutschland spielt und Kapitän der Nationalelf bleibt, war gestern noch unklar. Die Details der Aussprache und ihr Ergebnis will der Verband erst am heutigen Freitag bekannt geben. Ballack selbst flog nach der Unterredung mit Löw in der DFB-Zentrale in Frankfurt wieder zurück nach London. Aus DFB-Kreisen verlautete am späten Abend, die Zeichen stünden eher auf Entspannung.

Mit der äußerst knappen Internet-Meldung setzte der DFB seine auffallend defensive Informationspolitik der vergangenen Tage fort. Allein DFB-Präsident Theo Zwanziger hatte sich in einigen Interviews zum Streit zwischen Ballack und Löw geäußert – immer im Sinn des wichtigsten Verbandsangestellten Joachim Löw. Der Bundestrainer dürfe seine Autorität nicht untergraben lassen, lautete der Tenor Zwanzigers, und deshalb werde er jede Entscheidung Löws mittragen. Wenn man es nicht besser wüsste, müsste man fast glauben, dass der DFB-Präsident den Druck auf den Bundestrainer vor der entscheidenden Aussprache mit Ballack bewusst erhöhte: Bloß nicht einknicken!

So ist es natürlich nicht, im Grunde wünschten sich beide Seiten einen einigermaßen glimpflichen Ausgang der Sache: dass Löw seine Autorität als Bundestrainer wahrt, Ballack weiterhin für die Nationalmannschaft spielt, ihr Kapitän bleibt und zudem seine Glaubwürdigkeit nicht allzu sehr beschädigt wird. Auch wenn seit seinem inkriminierten Interview bereits mehr als eine Woche vergangen war, hatte Ballack vor dem Gespräch nicht darauf setzen können, dass Löws Ärger inzwischen merklich nachgelassen hatte. Der Bundestrainer verlangte echte Reue, eine glaubwürdige Distanzierung von Form und Inhalt der Kritik. Sollte Ballack diese doch verweigert haben, hat er keine Zukunft in der Nationalelf mehr.

Ballack wiederum wollte das Gespräch sicher auch dazu nutzen, dem Bundestrainer die Gründe für sein Vorgehen verständlich zu machen, seine Sorge um den Zustand der Nationalmannschaft. Ballack sieht das Vertrauensverhältnis gestört, das zwischen Trainer und Kapitän eigentlich bestehen sollte. Er fühlt sich in wichtige Entscheidungen nicht ausreichend eingebunden und seinen Wert als Führungsspieler für die Mannschaft nicht mehr entsprechend gewürdigt. Hat Löw allerdings darauf beharrt, dass auch Ballack sich wie alle anderen Spieler seinem Führungsanspruch zu unterwerfen habe, wird diesem gar nichts anderes übrig geblieben sein, als zumindest seinen Rücktritt vom Kapitänsamt anzubieten.

Es ist immer noch eine seltsame Vorstellung, dass Ballack als normaler Nationalspieler zurück ins Glied treten könnte - dazu war er in den vergangenen Jahren in der Nationalmannschaft einfach zu wichtig. Vor allem aber stellt sich die Frage: Wer sollte Ballack denn als Kapitän ablösen? Es gibt eine Art Gewohnheitsrecht, dass der Spieler mit den meisten Länderspielen die Binde tragen darf. Das ist nach Ballack (89 Länderspiele) derzeit Miroslav Klose (86). Der Stürmer aber taugt mit seiner zurückhaltenden Art nur bedingt für die Rolle des Kapitäns.

Da Löw gerade dabei ist, aktuelle Leistung stärker zu gewichten als alte Verdienste, müsste er die Wahl des Kapitäns nicht zwingend von formalen Kriterien (Zahl der Länderspiele) abhängig machen. Auch Jürgen Klinsmann hat sich über diese eherne Regel hinweggesetzt: Gleich nach seinem Amtsantritt nahm er Oliver Kahn die Kapitänsbinde weg, stattdessen er nannte er Michael Ballack zu dessen Nachfolger. Klinsmann begründete das damit, dass er einen Feldspieler als Kapitän haben wolle. Denkbar wäre, dass Löw auch mit der Besetzung des Kapitänspostens seinen Willen zum Generationswechsel deutlich macht. Von den jüngeren Spielern kommen zwei infrage: Bastian Schweinsteiger (61 Länderspiele), der in den letzten Länderspielen einen klaren Gestaltungswillen nachgewiesen hat, und Philipp Lahm (52), der sich schon im Sommer Hoffnungen auf das Kapitänsamt bei den Bayern gemacht hat und sich im Streit zwischen Ballack und Löw auf die Seite des Bundestrainers geschlagen hat. „Michael Ballack hat einen Fehler gemacht“, sagte Lahm. „Man darf mit einer Kritik am Trainer nicht in die Öffentlichkeit gehen.“ Mit Lob schon.

Ob Schweinsteiger oder Lahm in Zukunft mehr Verantwortung bekommen oder alles beim alten bleibt, wird Fußball-Deutschland wohl heute erfahren.

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