Sport : „Ballbesitz ist nicht entscheidend“

Joachim Löw, Assistent von Bundestrainer Jürgen Klinsmann, über moderne Fußballphilosophie

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Herr Löw, was hat Ihnen denn Urs Siegenthaler über die Russen erzählt?

Gar nichts. Der Urs ist zwar unser Chefscout, aber der ist gerade in Südamerika und beobachtet das Spiel Brasilien gegen Argentinien. Die Russen haben wir selber analysiert.

Und, was ergab die Analyse?

Es ist so, dass die Russen immer gute Fußballer haben. Fußballerisch sind sie sehr, sehr ballsicher, sehr schnell und athletisch. Ihre Stärke liegt im Konterspiel.

Sie haben gesagt, dass Urs Siegenthaler Fußball ähnlich sieht wie Sie und Jürgen Klinsmann. Wie sehen Sie denn Fußball?

Darüber können wir stundenlang reden. Mich hat beeindruckt, mit welcher Akribie und Klarheit er die Dinge sieht. Die Frage ist: Wie erkennt man Stärken und Schwächen, welche Tendenzen und welche Veränderungen gibt es im Fußball? Man muss es richtig lernen, Spiele gut zu analysieren. Das ist eben nicht so, dass du sagst, der linke Verteidiger ist schnell und kopfballstark. Du musst die ein, zwei Stärken einer Mannschaft herausfinden, die charakteristisch für diesen Gegner sind. Oder die Schwächen. Er wollte von uns wissen: „Ja, wie wollt ihr denn spielen?“ Erst dann könne er beim Gegner Schwächen herausfinden, die wir vielleicht ausnützen können. Siegenthaler bringt Dinge sehr präzise auf den Punkt.

Das soll auch Ihre Stärke sein. Klinsmann hat imponiert, wie klar und einfach Sie die Viererkette erklären konnten. Würden Sie es für uns bitte wiederholen?

Als ich 2000 in Deutschland den Trainerschein machen musste, weil die Schweizer Lizenz nicht anerkannt wurde, bat man mich, eine Trainingseinheit über das 4-4-2-System zu machen. Das war in Deutschland nicht so gefestigt, sondern eher das 3-5-2. Ich habe die Vor- und Nachteile beschrieben.

Und die wären?

Eine Viererabwehrkette darf man nicht so isoliert sehen. Es kommt immer darauf an, wie man das taktisch interpretiert. Ich kann ein 4-4-2 ganz defensiv spielen, wie es die Briten machen oder die Skandinavier. Vorteile sind, dass die Räume auf dem Platz immer gut besetzt sind. Und nach vorne hast du immer die Möglichkeit, über die Flügel zu spielen, weil immer zwei Leute die Außenpositionen halten. So kannst du den Gegner über zwei Seiten vor Probleme stellen. Es gibt aber auch Schwachstellen.

Welche?

Die Viererkette muss eingespielt sein. Sie ist schwieriger und anspruchsvoller zu spielen als eine Manndeckung. Wenn ich einem Spieler sagen, decke du den Spieler und schalte ihn aus, dann ist es für den Spieler einfacher, als wenn er im Raum spielt und die Gegenspieler übergeben muss.

Wie sieht heute moderner Fußball aus?

Heute ist eine hohe, starke physische Präsenz nötig. Also Spieler, die in der Lage sind, über 90 Minuten ein hohes Tempo zu gehen, die eine hohe Handlungsschnelligkeit besitzen. Sonst häufen sich die Fehler. Das ist die Basis. Es führen viele Wege zum Erfolg. Spielst du eher defensiv und setzt auf Konter, oder willst du mehr agieren? Wichtig sind eine gewisse Grundordnung in der Defensive und eine variable Offensive. Das Umschalten ist heute im Spiel das Wichtigste. Also, wie schnell schalte ich um, wenn ich den Ball verliere, und wie schnell schaffe ich es, wenn ich in Ballbesitz gelange, den Gegner zu erwischen?

Passen Sie die Spielweise dem Personal an oder umgekehrt?

Wir suchen Spieler für das System, von dem wir überzeugt sind.

Gibt es Spieler, die in die Nationalelf gehören, aber nicht in das System passen?

Nein, gute Fußballer passen in jedes System. Wir überzeugen die Spieler, wir lassen es so trainieren. Wir ziehen unsere Linie durch, und dann können es die Spieler irgendwann auch. Du musst es nur richtig trainieren und immer wieder einfordern. Das ist ein längerer Prozess, aber wir wollen ja schneller spielen.

Schnell spielen heißt schnell denken.

Absolut. Die Dinge haben sich doch verändert. Vor wenigen Jahren hat man noch gesagt, die Mannschaft, die den meisten Ballbesitz hat, gewinnt. Das ist eben falsch. Ballbesitz ist gar nicht mehr so entscheidend. Es ist die Effizienz. Wenn ich gegen zehn Letten spiele, die hinten drin stehen, aber nur quer spiele und zurück, dann hat es der Gegner leicht, sich gut zu organisieren, und ich komme nicht zum Torschuss.

Wie sieht die Lösung aus?

Ich muss schnell in die Tiefe spielen, das Mittelfeld schnell überbrücken.

Wie geht das?

Die Mittelfeldspieler brauchen nicht immer jeden Ball sofort, sondern kommen erst ins Spiel, wenn die Stürmer angespielt sind. Oder du musst, wenn der Gegner angreift, in Ballbesitz kommen. Dann ist der Gegner relativ unorganisiert, weil der sich gerade freiläuft. Und dann musst du innerhalb kürzester Zeit den Ball gewinnen und vor das gegnerische Tor treiben. Wenn ich den Ball aber gewinne und lasse ihn lange in den eigenen Reihen laufen, organisiert sich der Gegner wieder. Das kann Chelsea ganz gut. Gegen Barcelona hatten die Engländer wenig Ballbesitz, aber als sie in Ballbesitz kamen, spielte der Lampard ein, zwei Pässe, und das war erfolgreich.

Und das wollen Sie den meist umständlich spielenden Deutschen beibringen?

Genau so. Wir machen viel Theorie, aber die Spieler müssen das auf dem Platz selbst erleben. Das ist wie mit dem Sprachunterricht an der Volkshochschule. Denn wenn du in das jeweilige Land gehst, dann lernst du schneller die Sprache, du bist gezwungen dazu. Wir zwingen unsere Spieler auch.

Wo soll im Idealfall Ballgewinn stattfinden?

In der Mitte. Du kannst ihn zwar außen einfacher gewinnen, hast aber weniger Gestaltungsmöglichkeiten, nämlich nach rechts und links und in die Tiefe. Deswegen hat die mittlere Achse enorm an Bedeutung gewonnen.

Die mittlere Achse?

Sie besteht aus sechs Spielern in der Mitte: die beiden Innenverteidiger, zwei zentrale Mittelfeldspieler und die beiden Stürmer. Diese Achse muss stimmen.

Die Bayern, gegen die die Nationalelf kürzlich verlor, hat eine Viererachse: Kahn, Lucio, Ballack, Makaay. Kahn und Ballack haben Sie jetzt auch. Wer aber sind der deutsche Lucio und der deutsche Makaay?

In der Innenverteidigung haben wir einige Möglichkeiten. Das sind Huth, der sicherlich noch lernen muss, und Mertesacker, der zuletzt sehr gut war. Vergessen wir nicht Metzelder, der langsam wieder kommt, und dann haben wir noch Wörns und Friedrich. Aber wir haben noch nicht die Formation gefunden, von der wir sagen, das ist die, mit der wir in die WM gehen.

Welche Mannschaft spielt momentan optimal?

Spieltechnisch die Brasilianer. Von der Ballbehandlung sind sie weltweit Spitze, selbst die jungen Spieler machen kaum Fehler. Und die Argentinier haben eine gute Mischung aus Technik und körperlicher Robustheit, sie sind sehr zweikampfstark. Und die Ukraine spielt sehr gut. Sie spielt einen fast perfekten Konterfußball, gradlinig und schnörkellos.

Wäre das nicht was für die deutsche Elf?

Nein, denn wir müssen von dem ausgehen, was uns bei der WM erwartet. Uns erwarten nicht Mannschaften, die gegen uns total auf die Offensive setzen, sodass wir oft in Kontersituationen kommen. Wir werden daheim als Gastgeber auf Mannschaften treffen, die wahrscheinlich defensiver orientiert sind, ob Afrikaner, Südamerikaner oder auch Europäer. Die werden sich hinten reinstellen.

Welche Schwachstelle hat Urs Siegenthaler denn im deutschen Team ausgemacht?

Das ist nicht seine Aufgabe.

Das Interview führten

Stefan Hermanns und Michael Rosentritt

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