Sport : Barcelona gegen Barcelona

Beckhams angeblicher Wechsel verdeckt den Machtkampf bei den Katalanen

Harald Irnberger

Madrid. Sechs Kandidaten stehen zur Auswahl, wenn die etwa 106 000 Mitglieder des FC Barcelona am Sonntag einen neuen Präsidenten küren. Wer immer das Rennen macht, er wird ein schweres Erbe antreten. Seit vier Jahren hat die Mannschaft keinen Titel mehr gewonnen, und dieses Jahr erreicht sie nicht einmal die Champions League. Der Kader befindet sich im Auflösungszustand. Und Geld für neue Spieler ist faktisch nicht vorhanden. Der Schuldenstand liegt zwischen 180 und 240 Millionen Euro – mehr als das aktuelle Saison-Budget (170 Millionen). An Wahlversprechen herrscht trotzdem kein Mangel. Das jüngste lautete: David Beckham von Manchester soll kommen.

Dabei lässt sich nur eines zuverlässig vorhersagen: Der Sonntag wird die Ablösung jener Clique einleiten, die 25 Jahre lang dilettantisch und eigennützig den Verein regierte, der sich als sportliche Standarte des katalanischen Nationalismus versteht. Alles begann mit der 22 Jahre währenden Präsidentschaft des Baulöwen und Immobilienchefs Jose Luis Nunez, dem dann 2000 dessen Marionette Joan Gaspart folgte. Dieses Duo hatte die größten Barça-Erfolge in die Wege geleitet, indem es 1988 Johan Cruyff als Trainer verpflichtete. Aber beide sind jetzt auch verantwortlich für den sportlichen und wirtschaftlichen Tiefpunkt – gerade weil sie Cruyff 1996 vor die Tür setzten. Seine Popularität hatte die des Präsidenten in den Schatten gestellt. Seit diesem Tag führt der nun 41-jährige Anwalt Joan Laporta die Opposition gegen das Barça-Establishment an. Und weil es Florentino Perez vor drei Jahren gelang, gegen alle Prognosen zum Präsidenten von Real Madrid gewählt zu werden, indem er die Verpflichtung des damals bei Barça tätigen Luis Figo ankündigte, verspricht Laporta nun schon einmal, Beckham zu kaufen. Das dortige Management bestätigt zwar, ihr gegenwärtiges Aushängeschild an Barça abgeben zu wollen, falls Laporta in Barcelona Präsident wird. Beckham aber sagt, er sei über solche Verhandlungen nicht informiert.

Laporta werden nur Außenseiterchancen eingeräumt. Aussichtsreichster Kandidat scheint der 62-jährige Werbeunternehmer Lluis Bassat zu sein. Auch er will zwei Kicker der Cruyff-Zeit an die sportliche Front schicken: Ronald Koeman als Trainer und Pep Guardiola als Manager. Ansonsten versammelt er bekannte Figuren aus Barcelonas Besitzbürgertum um sich. Zudem hat dieser Kandidat blendende Kontakte zur Caixa – der katalanischen Landessparkasse, die sich zuletzt weigerte, Barcelona noch weitere Kredite einzuräumen. Das trägt Bassat allerdings den Vorwurf ein, er wolle den Verein an die Banken verscherbeln. Dieser Verdacht wiegt schwer unter den auf Souveränität bedachten Mitgliedern. Folglich wünscht auch niemand, dass ein Präsident einige private Millionen einschließt und sich so übermäßige Macht erkauft.

Immerhin haben sich fünf der Kandidaten zur Absicht durchgerungen, künftig die Barça-Trikots als Werbefläche zu vermarkten. Nur Jaume Llaurado, ein 59-jähriger Unternehmer, der schon mehrfach für die Präsidentschaft kandidiert hat, will weiterhin, „dass wir unser Hemd nicht beschmutzen“. Ausgerechnet dieser Mann versuchte knapp vor dem Wahltag noch, antisemitische Ressentiments zu mobilisieren, indem er auf die mütterlicherseits jüdische Herkunft seines Mitkandidaten Bassat anspielte.

Mehr Demokratie wagen will hingegen der ehemalige Spieleragent Josep Maria Minguella. Die früheren Barça-Spieler Hristo Stoitschkow und Johan Neeskens unterstützen seine Kandidatur. Minguella verspricht, ein Barça-Parlament einzurichten: Von den Mitgliedern zu wählende Abgeordnete sollen die Politik der Vereinsregierung permanent kontrollieren können.

Einige Kandidaten bemühten sich eifrig um eine Wahlempfehlung von Johan Cruyff. Doch der beobachtet das ganze Spektakel aus leidvoller Erfahrung mit Skepsis: „Ich werde für niemanden mehr die Kastanien aus dem Feuer holen. Wer immer gewählt wird, kann mich dann ja um Rat fragen, wenn er sich etwas davon verspricht.“

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