Barcelona in der Krise : Ratlos in Blau-Rot

Nach der Demütigung gegen Real Madrid mehren sich die Anzeichen, dass Barcelonas Ära zu Ende geht. Das Aus im spanischen Pokal-Halbfinale trifft die Katalanen schwer.

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Einsam in der Niederlage. Lionel Messi und der FC Barcelona stießen zuletzt in den wichtigen Spielen ungewohnt oft an ihre Grenzen. Foto: AFP
Einsam in der Niederlage. Lionel Messi und der FC Barcelona stießen zuletzt in den wichtigen Spielen ungewohnt oft an ihre...Foto: AFP

Im Moment der totalen Demütigung sangen sie. „Oh le le, oh la la, Barça-Fan zu sein, ist das Größte überhaupt“, drang es aus den meisten Kehlen im mit fast 100 00 Zuschauern gefüllten Camp Nou. Schwer zu glauben, dass die Fans des FC Barcelona tatsächlich fühlten, was sie da von sich gaben. Ihre Mannschaft lag im eigenen Stadion nach etwas mehr als einer Stunde 0:3 gegen Real Madrid zurück. Raphael Varane hatte gerade getroffen. Ein Verteidiger! Gegen Barça! Es war klar, dass es für  Barcelona nichts mehr wird mit dem Einzug ins spanische Pokalfinale. Daran änderte auch der, nun ja, Ehrentreffer von Jordi Alba nichts. Nach dem 1:3 und einem 1:1 im Hinspiel schied Barcelona im Halbfinale der Copa del Rey aus.

Die Reaktion des traditionell kritischen Publikums mag überraschen, sind es doch ungemütliche Zeiten, die der FC Barcelona gerade erlebt. Die Niederlage gegen Real Madrid war die zweite Demütigung innerhalb von sechs Tagen. In der vergangenen Woche gab es ein 0:2 beim AC Mailand und Barcelona benötigt nun im Rückspiel am 12. März ein kleines Wunder, um nicht schon im Achtelfinale der Champions League auszuscheiden. Auch wenn Barça die spanische Liga mit zwölf Punkten Vorsprung souverän vor Atletico Madrid anführt und die Meisterschaft so gut wie sicher ist, droht die Saison doch zu einer Enttäuschung zu werden.

Die Spiele gegen Mailand und Madrid haben die Mannschaft getroffen und ihr Selbstverständnis erschüttert. „Vielleicht sind wir gar nicht so gut, wie alle sagen“, sinnierte Verteidiger Gerard Piqué schon in Mailand. Passender wäre wohl gewesen: „Vielleicht sind wir nicht mehr so gut, wie alle sagen.“ Es scheint, als neige sich die Ära des FC Barcelona dem Ende entgegen. Vier Jahre, von 2008 bis 2012, dominierte der Klub mit seiner Interpretation des Fußballs. Ballbesitz über alles, dazu das Vertrauen in endlose Passstafetten – so wurden die Gegner zermürbt und nebenbei ein Nimbus der Unbesiegbarkeit geschaffen. Von 19 möglichen Titeln gewann die Mannschaft in diesem Zeitraum 14, darunter drei spanische Meisterschaften und zwei Mal die Champion League. Die spanischen Nationalspieler im Team wurden zudem zwei Mal Europa- und einmal Weltmeister.

Der Kader wurde stets nur marginal verändert, mit der Zeit setzte Selbstzufriedenheit ein. Josep Guardiola, ab Juli neuer Bayern-Trainer, will die Anzeichen dafür schon im November 2011 erkannt haben. Und entschied sich, nach vier Jahren als Trainer in Barcelona aufzuhören.

Das Zwingende ist aus den Offensivbemühungen gewichen, derzeit haben es stärkere Gegner relativ leicht, Barcelonas Angriff zu stoppen. Mailand und Madrid zogen sich tief in die eigene Hälfte zurück, sicherten ihren Strafraum mit zwei Viererketten ab und hetzten mindestens drei Gegenspieler auf Weltfußballer Lionel Messi, sofern der sich dem Tor näherte. Bei Ballgewinn wurde Barcelonas Abwehr mit blitzschnellen Kontern düpiert. Am Dienstagabend hatte daran vor allem Cristiano Ronaldo Spaß. Seine zwei Tore ebneten Real den Weg ins Pokalfinale, wo die Mannschaft von Mesut Özil und Sami Khedira auf den Stadtrivalen Atletico Madrid trifft, der sich gegen den FC Sevilla durchsetzte.

Iniesta gesteht die Krise ein, Interimstrainer Roura betreibt Augenwischerei

„Uns fehlt momentan einiges, wir genießen es nicht mehr, den Ball zu haben“, sagte Andres Iniesta am Mittwoch. So ehrlich – oder einsichtig? – zeigte sich Interimstrainer Jordi Roura nicht. „Man muss das nicht dramatisieren, ich glaube nicht, dass Real so viel besser war. Sie waren einfach nur effektiver“, sagte er nach dem Spiel und stand mit dieser Meinung ziemlich allein da.

Roura vertritt den eigentlichen Trainer Tito Vilanova. Der befindet sich nach erneuter Krebserkrankung zur Reha in New York und wird auch am Sonnabend, wenn es in der Liga wieder gegen Real geht, nicht da sein. Unter ihm hatte Barça 18 der ersten 19 Spiele in der Primera Division gewonnen und einen neuen Startrekord aufgestellt. „Es wäre gut, ihn jetzt hier zu haben“, sagte Verteidiger Dani Alves. „Wir sind nämlich in großen Schwierigkeiten.“

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