Sport : Barfuß im Regen

Herthas Rotsünder Josip Simunic schweigt, entschuldigt sich aber beim Opfer

Michael Rosentritt

Berlin - Trotz Nieselregens und frischer Temperaturen durchschritt Josip Simunic gestern das Hertha-Gelände barfüßig in Badelatschen. Der letzte Fußballprofi des Berliner Bundesligisten, der sich in der Schuhwahl von äußeren Einflüssen nicht beirren ließ, war Alex Alves. Der exzentrische Brasilianer bereitete dem Verein vor einigen Jahren zahlreiche Scherereien, vorwiegend allerdings außerhalb des Fußballfeldes. Bei Josip Simunic verhält es sich in letzter Zeit eher andersherum. Der kantige kroatische Nationalspieler erfoulte sich am Sonntag gegen Bremen seinen dritten Platzverweis in zwei Monaten. Persönlich reden wollte er gestern mit der Presse nicht. Welcher Fußballprofi bleibt schon gern im Regen stehen?

Hertha BSC hat das vergangene Heimspiel im ausverkauften Olympiastadion gegen Werder Bremen mit 1:4 verloren, doch die Schlagzeilen bestimmte das Foul von Simunic. Der 1,93 Meter große Verteidiger der Berliner wollte einen hohen Ball kurz vor der Grenze des eigenen Strafraums unbedingt haben. Er hob ab, streckte sein Bein hoch und traf mit der Sohle die linke Gesichtshälfte von Christian Schulz, der den Ball mit dem Kopf spielen wollte. Schiedsrichter Herbert Fandel zog sofort Rot, während Schulz mit einer klaffenden Wunde ins Krankenhaus gebracht wurde. Schulz wurden drei Risswunden rund um das Auge genäht. „Zum Glück fand die Berührung oberhalb des Augapfels statt, so dass nichts kaputt gegangen ist“, sagte Schulz, der noch am späten Abend zu seiner Mannschaft zurückgekehrt war.

Josip Simunic hatte den Schlusspfiff im Entspannungsbecken erlebt und war niedergeschlagen. „Ich habe heute morgen mit ihm gesprochen und wollte mir die Situation noch einmal schildern lassen“, sagte gestern Karsten Heine, der den Spieler in Schutz nahm. „Für mich war wichtig, ob er mit dem Kopf hätte hingehen können. Wenn ja, dann hätte ich ihm einem gravierenden Vorwurf gemacht. So war es eine total unglückliche Aktion, aber niemand kann ihm den Vorwurf machen, er wollte Schulz absichtlich ins Gesicht treten.“ Selbst die Bremer hielten sich moderat zurück. Der Bremer Trainer Thomas Schaaf hätte gar eine Gelbe Karte für angebracht gehalten, so auch Heine. „Die Rote Karte ist zu hart“, sagte Herthas Trainer, „aber sie passt ins Gesamtbild. Der Joe hat ein Seuchenjahr.“

Im Sommer 2006 hatte der 29-Jährige bei Hertha verlängert und einen Fünf-Jahresvertrag unterschrieben. Eigentlich liebäugelte er mit großen internationalen Verein, entschied sich aber für Berlin. Vermutlich ist er mit dieser Entscheidung nie glücklich geworden. Simunic wollte in der Champions League spielen, mit Hertha gurkt er in der Grauzone der Bundesliga. Simunic ist frustriert. Zwischen den eigenen Ansprüchen und der Wirklichkeit liegen Welten. Als Führungsspieler ist er so völlig überfordert. „Der Joe hat sehr, sehr viel mit sich zu tun. Er nimmt sich viel vor, aber schon die kleinste Aktion bringt ihn aus dem Konzept. Statt den Kopf dann oben zu behalten, lässt er sich zu Sachen hinreißen, die nicht in Ordnung sind“, sagte Heine.

Der Trainer glaubt, dass sein technisch so brillanter Verteidiger mental „angeknackst“ ist. Nachdem Heine das Amt des Trainers vor vier Wochen übernommen hatte, war Simunic einer, der sich mit seinem Auftreten und seinem Trainingsfleiß „vorgespannt“ habe. „Jetzt steht er wieder am Pranger“, sagt Heine, „leider, denn ich halte die Entscheidung für zu hart.“ In Simunic’ Spiel in der ablaufenden Saison hätte es andere Aktionen gegeben, die weniger zu entschuldigen wären als die vom Sonntag. Für seine Platzverweise Anfang März und Anfang April hat Simunic freiwillig 10 000 Euro der vereinseigenen Nachwuchsabteilung gespendet.

Josip Simunic wollte gestern nicht öffentlich reden. Er hatte es vorgezogen, ein paar unaufschiebbare Telefonate zu führen. So klingelte er bei Christian Schulz durch. Beim Bremer Profi entschuldigte Simunic sich persönlich. Schulz nahm die Entschuldigung an. Hinterher erklärte sich Simunic über seinen Verein: „Es tut mir Leid, was passiert ist. Ich habe den Spieler nicht gesehen. Es war keine Absicht von mir.“ Mit der Klärung des Sachverhalts wird sich nun das Sportgericht des DFB befassen.

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