Barfuß-Wasserski : Superman mit 72 km h

Die Barfuß-Wasserskifahrer suchen in Brandenburg ihre Weltmeister. Der Rekord beim Springen liegt bei 27,4 Metern. Aber es gibt auch noch andere Disziplinen.

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Auf dem Wasser fliegen. Beim Barfuß-Wasserskifahren springen die Athleten hinter einem Motorboot über eine Rampe und segeln dann durch die Luft.
Auf dem Wasser fliegen. Beim Barfuß-Wasserskifahren springen die Athleten hinter einem Motorboot über eine Rampe und segeln dann...Foto: ddp

An Stefan Wörpels Füßen sind die Strapazen bisher spurlos vorübergegangen. Keine Narben, keine Kratzer, keine Hornhaut. „Es ist eigentlich ganz harmlos“, sagt der Bauunternehmer und präsentiert seine rechte Fußsohle, „nur nach dem Winter müssen sich manche Füße wieder daran gewöhnen.“ Nach einigen Monaten Pause nämlich wird die zarte innere Fläche der Fußsohle, die sonst nicht den Boden berührt, etwas empfindlicher. Wenn dann Sportler wie Stefan Wörpel mit gut 70 Kilometern pro Stunde barfuß über das Wasser gleiten, stechen diese Wasserspritzer etwas unangenehm.

Es ist schon ein seltsamer Sport, in dem an diesem Sonntag auf der Regattastrecke in Brandenburg an der Havel neue Weltmeister ermittelt werden: WM im Barfuß-Wasserskifahren nennt sich die Veranstaltung, die Wörpel organisiert und bei der seit einer Woche 168 Athleten aus 17 Ländern wie einst Jesus auf dem See Genezareth über das Wasser laufen. Allerdings hatte Jesus wohl kein Motorboot zur Verfügung, das ihn an einem Halteseil aus dem Wasser zog und hinter dem er seine Kunststücke hätte zeigen können. In Brandenburg aber funktioniert das genau so. Ein Athlet nach dem anderen wird von einem laut dröhnenden Motorboot aus dem Wasser gehievt, braust inmitten einer Wasserfontäne mit bis zu 72 km/h an der Haupttribüne vorbei und zeigt eine der drei Disziplinen des Barfuß-Wasserskifahrens: Springen, Tricksen und Slalom.

Christian Kurz ist vor einer halben Stunde 20,30 Meter weit hinter dem Seil geflogen, klatschte ins Wasser, stand auf und fuhr hinter dem Motorboot weiter. Der 29 Jahre alte Student des Wirtschaftsingenieurwesens sitzt nun auf einem Platz auf der Haupttribüne und kann nicht verstehen, dass manche Leute grinsen müssen, wenn sie das Wort Barfuß-Wasserski hören. „Es ist ein ernst zu nehmender Sport“, sagt der Berliner und führt zum Beweis seine Zeit in der Sportförderkompanie bei der Bundeswehr an. „Da kommt man ja auch nicht ohne Weiteres rein“, sagt Christian Kurz. Auch ist Barfuß-Wasserski Teil der World Games, also jener Sportarten, die nicht bei den Olympischen Spielen dabei sind. Plötzlich springt Kurz auf, rennt zum Wasser und ruft einem Teamkameraden zu, was dieser falsch gemacht hat. „Er hat vor dem Sprung das Trapez zu tief gehalten“, erklärt er.

Eigentlich ist auch das Springen eine lustige Angelegenheit. Wenn die Senioren barfuß über die 45,50 Zentimeter hohe Rampe rutschen, fliegen sie gerade mal zehn Meter weit, klatschen mit dem Hintern ins Wasser und versuchen verzweifelt auf dem Rücken liegend wieder aufzustehen. Es erinnert an einen umgekippten Maikäfer. Anders aber die Springer, die auf die Superman-Technik setzen. Wie die Comicfigur segeln sie mit einer Hand voraus durch die Luft und landen nach maximal 27,4 Metern. Das ist der Weltrekord, den der Brite David Small aufgestellt hat. Dieser ist übrigens einer der wenigen, die vom Barfuß-Wasserskifahren leben können. Er besitzt gemeinsam mit dem zweiten WM-Favoriten Keith St. Onge aus den USA eine Barfuß-Wasserskischule in Winterhaven, Florida. Im Training ist David Small auch schon mal knapp 30 Meter weit geflogen.

Etwas weniger spektakulär ist der Slalom, bei dem die Barfuß-Fahrer die Heckwelle so oft wie möglich auf einem oder zwei Füßen kreuzen müssen. Weil das Wasser ein empfindlicher Untergrund ist, fährt vor jedem Durchgang ein Motorboot voraus, um die Strecke zu glätten. Überhaupt sollte im Wasser kein Holzstück schwimmen, an dem sich die Läufer verletzen könnten. Jüngst prallte die 14 Jahre alte Nachwuchsläuferin Lavina Eissler im Training gegen einen Steg und brach sich den rechten Arm.

Beim Trick-Fahren haben die Läufer 15 Sekunden Zeit, um den im Boot sitzenden Punkterichtern ihr Können zu zeigen. Ein Rückwärtsstart im Wasser wird großzügig mit Punkten belohnt, ebenso eine Drehung auf einem Fuß, während der andere die Schlaufe des Zugseiles hält. Dann gibt es noch Tumbleturns, Drehungen im Wasser auf dem Rücken oder Bauch.

„Die kann ich auch“, sagt Judy Myers und strahlt. Die US-Amerikanerin ist mit 67 Jahren die älteste WM-Teilnehmerin. „Es macht einfach Spaß, und es hält dich jung“ sagt sie, „außerdem trifft man hier viele nette Leute.“ Auch ihr Mann Casey ist dabei. Ins Wasser traut er sich nicht, nach einem Unfall in der Jugend hat er Angst davor. Was ihn nicht gehindert hat, erst in die Navy zu gehen und nun für seine Frau das Motorboot zu fahren. Und so kurven sie, wenn es der Verkehr zulässt, vor Sonnenuntergang über den Colorado River in Arizona. Casey lenkt das Boot, Judy läuft auf dem Wasser hinterher. Kann es einen schöneren Lebensabend für Barfuß-Wasserskifahrer geben?

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