Sport : Baseball: Spiel mit der ideologischen Keule

Martin Hägele

Baseball ist der Lieblingssport aller Menschen, die mit Cornflakes, Muffins und Hot Dogs aufgewachsen sind - Baseball verkörpert Amerika. Nicht umsonst heißt es für eine Viertel Milliarde zwischen Bangor (Maine) und San Diego (Kalifornien) "the grand old game". Noch verrückter sind nur die elf Millionen Kubaner auf der benachbarten Karibik-Insel nach ihrer nationalen Leidenschaft. Obwohl Baseball nicht hier erfunden wurde und sich die Leute auf Kuba fast ausschließlich von Reis, Huhn und Bohnen ernähren.

Im modernen Spitzensport spielt die Ernährung eine große Rolle. Dass solche Kriterien auch bei dieser jungen olympischen Disziplin sehr wichtig sind und ein Handicap für die seitherigen Olympiasieger darstellen, verdankt die übrige Welt den Ausführungen von Juan Mazorra. Kubas Nationaltrainer hat die Tatsache, dass sein Team schon so früh ins Trainingscamp nach Sydney eingerückt sei, nicht nur mit den kühlen Temperaturen, an die man sich erst gewöhnen müsse, sondern mit einer dringend nötigen Ernährungsumstellung begründet: "Unsere Athleten brauchen mehr Proteine und Vitamine." Deshalb kommen nun statt fetter Eintöpfe Spaghetti und Salate auf den Teller.

Das öffentliche Bekenntnis zur Armut und die Vorfreude auf die Restaurants im olympischen Dorf ist von den nordamerikanischen Medien gern verbreitet worden. So nach dem Motto: schaut sie euch an, die armen kubanischen Schlucker. Und das sollen die besten Pitcher und Basemen der Welt sein. Die Creme dieses Sports verdient ihre Millionen nämlich selbstverständlich in der Major League (MLB). Und weil dieses Milliarden-Unternehmen seine Play-offs für September und Oktober terminiert hat, werden die USA beim olympischen Turnier nur mit Spielern aus unteren Ligen oder Farm-Teams vertreten sein. Keine Stars, vielleicht verdient der eine oder andere 100 000 Dollars im Jahr.

Ähnlich wie bis vor wenigen Jahren NHL (National Hockey League) und NBA (National Basketball Association) leistet sich das superreiche Unternehmen die Arroganz, den olympischen Betrieb links liegen zu lassen. Das demonstrierte Desinteresse könnte sich jedoch mit einem Schlag ändern: Falls es die Halbprofis aus USA ins Finale gegen Kuba schaffen. In diesem Fall käme es wohl zur nationalen Massenhysterie wie zuletzt 1980 in Lake Placid. Der Olympiasieg der Eishockey-Collegespieler gegen die haushohen Favoriten aus der UdSSR gilt bis heute als die Legende des US-Sports. Verewigt in dem Film "Miracle on ice".

Um wie Torwart James Craig und Mike Eruzione, nach dessen goldenem Tor nicht nur in dem Olympiastädtchen die Kirchenglocken läuteten, zum Helden zu werden, braucht es auch ideologische Gegner. Die "roten Sputniks" taugten zum Feindbild in Jimmy Carters Amerika genauso wie nun die sportlichen Repräsentanten Fidel Castros. Der "Comandante en Jefe" verkörpert den Amerikanern das Böse schlechthin. Und was wäre schöner als die Repräsentanten des kommunistischen Führers ausgerechnet in jener Disziplin zu besiegen, die der ehemalige und einst hochtalentierte Baseballspieler Castro über alles liebt.

Millionen haben gesehen, wie der Diktator gelitten hat, als beim ersten Kräftevergleich der führenden Baseball-Nationen 40 Jahre nach der Revolution die Baltimore Orioles in Havanna gewannen. Und wie generös Castro reagierte, als seine Staatsamateure im Rückspiel beim MLB-Spitzenteam triumphierten. Jeder der Spieler bekam beim Staatsempfang 1000 Dollar, musste sich aber auch die mahnenden Worte des Führers anhören: "Es hat sich in Baltimore gezeigt, dass im Baseball auch noch andere Werte zählen als nur Geld."

Kein Mensch weiss, wieviel kubanische Baseballspieler schon von Haien gefressen wurden oder auf der 150 Kilometer breiten Meeresstraße von Florida ertrunken sind. Bei den Spielen in Atlanta sind die kubanischen Athleten bewacht worden wie ein Staatsschatz, auch in Australien gilt für die Delegation vom sozialistischen Eiland Sicherheits- und Alarmstufe eins. Die Begehrlichkeit der US-Klubs hat sich nicht nur übers Fernsehen herumgesprochen. Für jeden der 22 kubanischen Baseballspieler fände sich auch in der MLB ein Arbeitsplatz - mit einem Millionen-Salär.

Liebend gern würden die New York Yankees einen zweiten Superstar aus Kuba holen. Nachdem Volksheld Orlando ("El Duque") Hernandez einst der Weg zu den großen Dollars auf einem Fischerboot gelungen ist, hat der Top-Klub schon vor zwei Jahren eine Offerte für Jose Ibar nach Kuba geschickt. "Die Liebe zu meinem Vaterland ist mir lieber als das viele Geld", stand im Antwortbrief des schwarzen Pitchers. Viel lieber wolle er die Amerikaner sportlich mit der Keule schlagen.

Aber wie lange diese Regime-Treue eines der größten kubanischen Talente hält, oder wie dessen Kameraden denken, nicht mal Castro kann sich solcher Worte sicher sein. Im Gegenteil. Kubas oberster Genosse wird während der Spiele oft zittern müssen, bis er seine Baseball-Soldaten endlich ehren kann oder wieder einmal einen oder mehrere "Verräter am kubanischen Volk" ächten muss.

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