Sport : Basketball: Der Wille ist da

Benedikt Voigt

Mit dem Deutschen hapert es noch bei Shawn Bradley. "Mein Vater hat versucht, mir etwas beizubringen, aber ich kann nur ganz wenig", sagt der 29-jährige Basketballer. Doch ein Deutschtest ist bei der Einbürgerung von Spitzensportlern nicht vorgesehen, und so wird die deutsche Basketball-Nationalmannschaft am Freitag beim ersten Spiel der Europameisterschaft gegen Estland (15.45 Uhr, live im DSF) mit einem Spieler antreten wird, der nur etwas mehr als drei Wörter Deutsch spricht. "Bitte" und "Danke" kannte Shawn Bradley bereits, nun sagt er auch noch: "Wolli".

Mit "Wolli" meint Shawn Bradley den Sportdirektor des Deutschen Basketball-Bundes (DBB), Wolfgang Brenscheidt. Der ehemalige Bundesligaspieler aus Hagen hat gemeinsam mit Holger Geschwindner, dem Trainer und Mentor des deutschen NBA-Stars Dirk Nowitzki, den Centerspieler der Dallas Mavericks nach Deutschland geholt. Vor sieben Jahren erfuhr der DBB, dass der NBA-Spieler Shawn Bradley der Sohn einer deutschen Mutter und eines US-amerikanischen Soldaten ist und in Landstuhl (Pfalz) geboren wurde. Schon damals versuchte der Verband, den Centerspieler der Dallas Mavericks für die deutsche Nationalmannschaft zu bekommen. Erst in diesem Jahr konnte der 2,29 Meter große Basketballer, dem das "Jetzt"-Magazin die Figur einer Fritte bescheinigt, überredet werden.

So kam es, dass Shawn Bradley am Dienstag beim Abschlusstraining in der Max-Schmeling-Halle stand und seinem Centerkollegen Patrick Femerling das Spielen schwer machte. Nach dem dritten Block gegen den mit 2,15 Metern auch nicht gerade zwergwüchsigen Femerling staunten auch die Spieler von Alba Berlin, die nach der Nationalmannschaft trainierten. Sportlich ist der Defensiv-Spezialist auf jeden Fall eine Verstärkung. Es ist schwer, gegen ihn einen Korbleger zu versenken oder über ihn hinweg zu werfen. Doch bleibt die Frage, ob er dem deutschen Team weiterhilft, wenn er sich innerhalb einer Woche auf Trainer, Mannschaft und das europäische Basketball einstellen muss?

"Von Integration kann man nicht sprechen" sagt Bundestrainer Henrik Dettmann. Der Wille ist da, doch es fehlt die Zeit. Erst am vergangenen Freitag war Bradley in Deutschland eingetroffen. "Ich konnte nicht früher kommen", sagt der gläubige Mormone, "ich hatte eine Knieverletzung und es gab auch persönliche Gründe." Dass seine Aufstellung umstritten war, weil wegen ihm Stammspieler Vladimir Bogojevic aussortiert wurde, hat der vierfache Familienvater erst in Deutschland erfahren. Aber noch nicht so richtig verstanden. "So ist Basketball", sagt Bradley, "es muss immer irgendeiner aus der Mannschaft gehen." Doch nicht immer muss ein Leistungsträger gehen. Bogojevic flog aus dem Team, weil nur ein Spieler antreten darf, der nach dem 16. Lebensjahr eingebürgert wurde. Nun aber spielt der Riese, und Mannschaft und Trainer wollen das Beste draus machen. Auch Bradley: "Ich will unter die ersten fünf, sonst braucht man ja gar nicht erst antreten."

Mit Kritik bei seinem Erscheinen hat der NBA-Spieler gar nicht gerechnet. "Ich habe auch einiges für dieses Team aufgegeben", sagt Bradley, "meine Tochter wird heute eingeschult und ich bin nicht dabei." Offensichtlich haben sich alle das Unternehmen Europameisterschaft leichter vorgestellt.

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