Basketball-EM : Durchhalteparolen nach Desaster

Nach der herben Niederlage gegen Slowenien geht es für die deutschen Basketballer nun ums Ganze. Eine Niederlage gegen Italien wäre ein Horror-Szenario: kein EM-Viertelfinale und das drohende Olympia-Aus.

Reinhard Schwarz[dpa]
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Wie bei diesem Dunking von Goran Dragic waren die deutschen Spieler gegen Slowenien meist nur Zuschauer. -Foto: AFP

Madrid Demontage, Debakel, Desaster: Jeder der drei Begriffe eines deprimierenden Schreckensszenarios war nach der deftigen 47:77-Klatsche der deutschen Basketballer gegen Slowenien im zweiten Zwischenrundenspiel der Europameisterschaft angebracht. Deshalb bemühte sich der sichtlich geschockte Bundestrainer Dirk Bauermann angesichts der desolaten Darbietung erst gar nicht, die "indiskutable und unentschuldbare Leistung zu beschönigen".

"Alle Erklärungsversuche würden nur als hohle Entschuldigungsphrasen interpretiert. Wir alle, Trainer wie Mannschaft, müssen dafür die Verantwortung übernehmen", sagte der 49-Jährige nach der "schlechtesten Leistung einer Nationalmannschaft in den vier Jahren meiner Tätigkeit. Das Letzte, was man als Basketball-Profi und Trainer gebrauchen kann, wäre Mitleid", meinte Bauermann nach der in der Tat Mitleid erregenden Pleite von fast historischer Dimension. Denn nur bei der EM 1957 in Sofia gab es mit dem 39:83 gegen Frankreich eine höhere EM-Schlappe.

Rückfall in schlechte Zeiten

Das war zur Steinzeit des deutschen Basketballs, und die kapitale Niederlage von Madrid ein Rückfall. Die Rekord-Niederlage in der deutschen Länderspiel-Geschichte datiert vom 23. Februar 2000, als es in Nancy im so genannten Nations-Cup eine 47:105-Abfuhr gegen Frankreich gab. Doch in der Ära ihres Superstars Dirk Nowitzki wurden die deutschen Riesen in einem ernsthaften Wettbewerb noch nie so auf das Kreuz gelegt wie an jenem schwarzen Montag von Madrid.

Nur 47 Punkte - diese erzielte Nowitzki allein bei der denkwürdigen Dreifach-Verlängerung zum 108:103-Sieg gegen Angola bei der WM 2006 in Japan. Gegen Slowenien war der von seinen konfusen Mitspielern im Stich gelassene Star mit 16 Punkten der einzig zweistellig treffende Akteur, was seinen Punktedurchschnitt als dennoch unangefochtener Topscorer der EM auf 26,2 pro Spiel drückte.

"Die Punkte interessieren mich nicht. Wir müssen sehen, ob wir genügend Stolz haben. Jeder muss ganz tief in sich reinschauen und sich fragen, was wir überhaupt wollen. Ob wir noch Kampfkraft finden oder die Sache einfach schmeißen", stellte der frustrierte Bandleader der disharmonisch aufspielenden deutschen Basketball-Combo die Existenzfrage bei der EM. Denn der 29-jährige Würzburger sieht seinen großen Traum von Olympia 2008 in Peking mehr denn je in Gefahr.

Ende der "silbernen Generation" droht

Durchhalteparolen nach dem Desaster machten beim vorgeführten Vize-Europameister die Runde. "Noch haben wir 40 Minuten Zeit, unser wahres Gesicht zu zeigen und wie Phönix aus der Asche zu steigen", sagte Bauermann vor dem "Endspiel" morgen (16:30 Uhr/DSF) gegen Italien. Eine Niederlage gegen den Angstgegner, gegen den eine trostlose Bilanz von 16 Niederlagen in 16 Begegnungen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften zu Buche steht, wäre der Super-Gau für den deutschen Basketball: Kein Viertelfinale, kein Olympia-Ticket oder keine Teilnahme am vorolympischen Qualifikations-Turnier im Juli 2008 - ein Verschwinden im Niemandsland des Weltbasketballs. Es wäre das Ende der silbernen Generation um Nowitzki.

Dieses Horror-Szenario zu vermeiden, erfordert das Wissen um die in drei sieglosen Spielen in Serie vernachlässigte eigene Stärke und das schnelle Abhaken des Slowenien-Debakels. "Wir dürfen uns jetzt nicht selbst zerfleischen und kein Trübsal blasen. Wir müssen die Ärmel hochkrempeln und unser wahres Gesicht zeigen. Wenn wir dieses Endspiel gewinnen, sieht die Welt wieder ganz anders aus", sagte der Coach. Bauermanns flehentlicher Appell vor der heiklen Aufgabe gegen die "Azzurri": "Wir müssen alle Kräfte auf dieses Spiel fokussieren und diese Reifeprüfung bestehen."

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