Sport : Basketball-EM: Erfolg riecht

Benedikt Voigt

Es gibt Menschen, die würden auf die Frage, ob dies oder das der größte Erfolg in ihrem Leben sei, einfach mit "Ja" oder "Nein" antworten. Nicht Henrik Dettmann. Der Trainer der deutschen Basketball-Nationalmannschaft liebt philosophische Betrachtungen und Metaphern, was vielleicht daran liegt, dass er aus Finnland stammt, wo man in langen Winternächten viel Zeit zum Nachdenken hat. Die Frage nach seinem größten Erfolg beantwortet Dettmann mit einem zweiminütigen Monolog. "Ein Basketballcoach zu sein hat für mich eine tiefere Bedeutung, als nur Siege zu sammeln", sagt der Finne gegen Ende seiner Ausführungen, "Erfolg ist für mich wie Parfüm: Es kommt und geht."

Wenn Erfolg also riecht, dann umgibt die deutsche Basketball-Nationalmannschaft momentan eine sinnesbetäubende Parfümwolke. Der Sieg über Frankreich (81:77) bei der Europameisterschaft in der Türkei bescherte dem Deutschen Basketball-Bund (DBB) den Einzug ins Halbfinale gegen das Gastgeberland (Samstag, 18 Uhr, live im DSF). Schon jetzt zählt das deutsche Team zu den besten vier Mannschaften Europas, schon jetzt steht der größte Erfolg seit dem Gewinn des Europameistertitels 1993 fest. Mit der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2002 in Indianapolis hat das deutsche Team auch sein EM-Ziel erreicht. Jörg Nowitzki, der Vater des NBA-Profis Dirk Nowitzki, berichtet: "Dirk wollte unbedingt zur WM in den USA."

Das hat man gesehen. Mit 32 Punkten und sieben Rebounds führte der 23-Jährige seine Mannschaft gegen Frankreich zum vierten Sieg im fünften Spiel. "MVP, MVP", riefen die deutschen Fans, während der Most Valuable Player nach dem Viertelfinale gelassen Interviews gab. Der Titel als bester Spieler der Europameisterschaft dürfte ihm sicher sein, mit durchschnittlich 27,2 Punkten ist er der Topscorer des Turniers. "Er strahlt eine innere Stärke aus", sagt der Bundestrainer, "es ist schwer, das zu beschreiben."

Das Spiel gegen Frankreich war "keine Schönheit", wie Dettmann sagt. Er führt das verhaltene deutsche Spiel auf das kräftezehrende Programm der letzten Tage zurück. In sechs Tagen musste er mit seinem Team fünfmal spielen. "Wer sich dieses Programm ausgedacht hat, hat noch nie Basketball gespielt - oder es liegt sehr, sehr lange zurück", kritisiert der Bundestrainer. Fast wäre seinem Team in der Schlussphase die Kraft ausgegangen. Zwei Minuten vor der Schlusssirene hatten die Deutschen noch mit zehn Punkten geführt, 75 Sekunden später stand es plötzlich 77:77. Dreimal hatten Robert Garrett, Dirk Nowitzki und Marko Pesic den Ball beim Spielaufbau verloren. "Die Mannschaft ist jung, da kann so etwas passieren", entschuldigt der Trainer.

Das deutsche Team hat sich bei der Europameisterschaft als Mannschaft gefunden. "Natürlich wären wir ohne Dirk jetzt nicht hier, aber in dieser Mannschaft ist jeder wichtig", sagt Dettmann. Angesichts der von Verletzungen überschatteten Vorbereitungsphase war das nicht zu erwarten gewesen. Inzwischen erweist sich auch Shawn Bradley als Glücksfall. Der 2,29 Meter große NBA-Spieler der Dallas Mavericks, der erst eine Woche vor der EM zum Team stieß, fügt sich klaglos in seine Rolle als zweiter Center hinter Patrick Femerling. "Ich ziehe meinen Hut vor Shawn", sagt Dettmann, "er hat den Willen, sich in das Team zu integrieren, das zeichnet einen großen Spieler aus." Gegen Frankreich machte Bradley sein bislang bestes Spiel für Deutschland, erzielte acht Punkte und holte fünf Rebounds.

Durch den Sieg über Frankreich verlängerte sich Dettmanns Vertrag beim DBB automatisch bis zur WM. "Damit habe ich mich nicht beschäftigt", sagt der Finne, "ich will der Mannschaft helfen, sich hier einen Traum zu erfüllen." Doch vor dem Traum vom Endspiel steht das Spiel gegen die Türkei, die gegen Kroatien in der Abdi-Ipekci-Halle von 10 553 Zuschauern zum Sieg gebrüllt wurde. "Das macht doch Spaß, vor so vielen Menschen zu spielen", sagt Dettmann. Ein deutscher Sieg wäre auf jeden Fall der größte Erfolg in seiner 28-jährigen Karriere als Trainer. Das hat er am Ende nämlich doch noch verraten.

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