Basketball-EM : Gemeinschaftlicher Tiefpunkt

Die jüngsten Leistungen der deutschen Nationalelf lassen ahnen, dass sie ihren Zenit wohl vor zwei Jahren bei der EM in Serbien erreicht hatte. Nach dem Debakel gegen Slowenien hilft den Deutschen bei der EM nur noch ein Sieg gegen Italien.

Benedikt Voigt[Madrid]
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Slowenien oben, Deutschland unten. Die deutschen Basketballer wirkten ratlos. -

Jan Jagla und Stephen Arigbabu haben es am Dienstagmittag nicht lange im Saal „Atocha“ im Hotel Melia Castilla ausgehalten. Rund zehn Minuten wohnten die beiden Basketball-Nationalspieler dem Pflichttermin des Deutschen Basketball-Bundes bei, dann verschwanden sie in ihre Zimmer. „Come together“ hatte der Verband das Treffen mit den Medienvertretern genannt, das früh auseinanderging. Vizepräsident Wolfgang Hilgert sagte: „Wir sind uns bewusst, dass es hierfür einen besseren Zeitpunkt geben kann.“ Vielleicht aber lag der Zeitpunkt sogar sehr gut.

Im Saal „Atocha“ könnte sich die letzte Gelegenheit ergeben haben, sich von einer ganzen deutschen Basketball-Generation zu verabschieden. Wenn die deutsche Mannschaft heute bei der Basketball-Europameisterschaft das abschließende Zwischenrundenspiel gegen Italien (16.30 Uhr, live im DSF) verliert, wird sie nicht nur ein EM-Viertelfinale verpassen. Sondern sich vor allem von ihrem letzten Traum, der Qualifikation für die Olympischen Spiele verabschieden müssen. „Wenn wir uns nicht zusammenreißen, fahren wir am Mittwoch nach Hause“, sagt Dirk Nowitzki. Der 29 Jahre alte NBA-Star steht womöglich vor seinem letzte Spiel im Nationaltrikot für mehrere Jahre. Er will nach Peking 2008 eine Pause einlegen, diese könnte nun vorgezogen werden. Patrick Femerling, Ademola Okulaja und andere könnten ihren Rücktritt verkünden. „Aber daran denken wir noch nicht“, sagt Mithat Demirel, „wir denken nur bis Mittwoch.“

So lebten die deutschen Nationalspieler im Saal „Atocha“ in einem sehr begrenzten Zeitfenster, denn an den vorangegangenen Montagabend wollte sich auch keiner erinnern. „Das bringt jetzt nichts mehr“, sagt Kotrainer Achim Kuczmann. Beim 47:77 gegen die ungeschlagenen Slowenen war das deutsche Team von der ersten Minute an nach allen Regeln der Basketballkunst auseinandergenommen worden. „Das war eine indiskutable Leistung, für die wir alle Verantwortung tragen“, schimpfte Trainer Dirk Bauermann, „es war das schlechteste Spiel, seit ich Trainer bin.“ Erklären wollte und konnte niemand die totale Verunsicherung, die jeden von der ersten Minute an befallen hatte. Auch Dirk Nowitzki passte sich mit 16 Punkten und einer Wurfquote von 39 Prozent dem gemeinschaftlichen Tiefpunkt an. „Jeder muss in sich hineinhorchen und sich fragen, ob die Kampfkraft noch da ist, oder ob wir das Handtuch schmeißen sollen“, sagt Dirk Nowitzki.

Zwar hat die deutsche Mannschaft in der Vorrunde gegen die Türkei und Litauen zwei gute Spiele geboten. Zuletzt aber ließ sie ahnen, dass sie ihren Zenit wohl vor zwei Jahren bei der EM in Serbien erreicht hatte. „Vor zwei Jahren haben wir Silber über die Verteidigung erreicht“, sagt Dirk Nowitzki, „hier sind wir bisher nicht auf internationalem Standard, deshalb sind wir auch so abgeschossen worden.“

Gegen Frankreich und Slowenien wirkte die Mannschaft zu jedem Zeitpunkt zu angespannt und verkrampft. „Es war klar, dass der Druck groß sein wird“, sagt Nowitzki, „ob er zu groß ist, das ist die Frage.“ Die älteste Mannschaft des Turniers weiß längst, dass es für jeden Einzelnen wohl die letzte Chance ist, sich für Olympische Spiele zu qualifizieren. Nur zu diesem Zweck ist sie zusammengebaut worden. „Allerdings hat sich auch kein jüngerer Spieler angeboten“, sagt Trainer Dirk Bauermann. Sollte das deutsche Team heute verlieren, steht der DBB vor einem Umbruch für den er keine hochklassigen Spieler zur Verfügung hat.

Als das Team um Dirk Nowitzki vor vier Jahren die Qualifikation für die Olympischen Spiele von Athen verpasst hatte – übrigens nach einer Niederlage gegen Italien –, entließ der DBB-Vizepräsident Wolfgang Hilgert noch in der Hotellobby den Bundestrainer Henrik Dettmann. Eine ähnliche Szene werde es diesmal nicht geben, sagt DBB-Präsident Ingo Weiss. „Dirk Bauermann steht bei uns nicht zur Diskussion“, sagt er. Der Funktionär versuchte im Saal „Atocha“ optimistische Stimmung zu verbreiten. „Morgen werde ich meinen italienischen Kollegen trösten“, sagt er. Jedem, der das Debakel gegen Slowenien gesehen hat, fällt es sehr schwer, das zu glauben.

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