Basketball-EM : Heiko Schaffartzik - Genie trifft Wahnsinn

Alba Berlins ehemaliger Spieler Heiko Schaffartzik ist bekannt für sein großes Selbstbewusstsein. Das hilft auch der Basketball-Nationalmannschaft – meistens zumindest.

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Deutschlands Heiko Schaffartzik (l.) im Zweikampf mit dem Ukrainerball Kyryl Natyazhko.
Deutschlands Heiko Schaffartzik (l.) im Zweikampf mit dem Ukrainerball Kyryl Natyazhko.Foto: dpa

Berlin - Es war offenbar ein zu nasser Basketball, der den deutschen Nationalspieler Heiko Schaffartzik am Freitag zu einer folgenschweren Aktion veranlasst hatte. Dribbelnd forderte er den Schiedsrichter auf, den Ball abtrocknen zu lassen. Viele Unparteiische würde in dieser Situation abpfeifen und den Ball abwischen lassen, nicht aber der Mann, der das Spiel Deutschland gegen Ukraine leitete. Er wies Schaffartzik lediglich darauf hin, dass seine Zeit zum Überqueren der Mittellinie gleich ablaufe – was den deutschen Aufbauspieler dazu veranlasste, hektisch loszudribbeln und ein Offensivfoul zu begehen. Dieser Ballverlust sollte die Schlüsselszene für die erneute Niederlage der deutschen Mannschaft bei der Europameisterschaft in Belgien sein. Womöglich ist er auch die Schlüsselszene dieser Europameisterschaft für die deutsche Mannschaft.

Mit zwei Niederlagen und einem Sieg droht der deutschen Mannschaft bei der EM in Slowenien das frühe Aus in der Vorrunde. Deutschland muss nun die Spiele gegen Großbritannien am Sonntag (14.30 Uhr) und am Montag gegen den Gruppenletzten Israel (17.45 Uhr, beide live in der ARD) gewinnen und gleichzeitig darauf hoffen, dass Belgien gegen Israel und Frankreich verliert. Zwar sind rechnerisch noch andere Konstellationen zum Weiterkommen denkbar, sehr wahrscheinlich aber sind sie nicht. „Was uns fehlt, ist die Konstanz und die Erfahrung auf diesem Niveau“, sagt Frank Menz, „wir sind hier, um zu lernen, aber natürlich auch, um die nächsten Spiele zu gewinnen.“ Der Bundestrainer gibt die Hoffnung aufs Weiterkommen noch nicht auf.

„Wir sind natürlich enttäuscht“, sagte Heiko Schaffartzik, „aber wir haben alles versucht, auch nachdem wir schon wieder mit 16 Punkten hinten lagen.“ Mit 22 Punken und 11 Assists war der 29 Jahre alte Kapitän des deutschen Teams hauptverantwortlich dafür, dass die deutsche Mannschaft im vierten Viertel noch einmal in Führung gehen konnte und eine Chance zum Sieg hatte. Mit durchschnittlich 9,7 Assists ist er bei der EM sogar bester Vorlagengeber. Einige seiner Vorlagen auf Tibor Pleiß oder Maik Zirbes zieren sogar die EM-Highlightvideos. Mit durchschnittlich 3,3 Ballverlusten pro Spiel liegt er in einer unrühmlicheren Statistik mit Platz sieben allerdings auch vorne. Genie und Wahnsinn liegen bei ihm eben oftmals nah zusammen, wie nicht nur der entscheidende Ballverlust gegen die Ukraine gezeigt hat.

Heiko Schaffartziks Selbstbewusstsein scheint oft keine Grenze zu kennen, was der unerfahrenen Mannschaft bei dieser Europameisterschaft bisher vor allem geholfen hat. Doch der Berliner eckt auch an, wie sich in der vergangenen Saison bei Alba Berlin gezeigt hat. Dort geriet er sowohl mit Trainer Sasa Obradovic als auch mit dem Verein in Streit. Obwohl er noch einen Vertrag für ein weiteres Jahr in Berlin besaß, verlangte und bekam er seine vorzeitige Freigabe und wechselte zum neuen Ligakrösus Bayern München.

Wie unbequem ein mündiger Kapitän sein kann, bekam auch Frank Menz zu spüren. Als der neue Bundestrainer eine Minute vor Schluss in der Auszeit das System „4-Seite“ ansagte, widersprach ihm Heiko Schaffartzik. Es entbrannte ein seltsamer Dialog.

„Der Ball muss in meine Hand“, forderte Schaffartzik.

„Hast du doch“, sagt Menz.

„Ne, habe ich nicht“, sagt Schaffartzik, „ich bin auf der Eins.“ Dann er sagte ein anderes System an: „Wir spielen Horns.“

Der Bundestrainer stutzte kurz – und lenkte ein. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass Schaffartziks Plan tatsächlich von Erfolg gekrönt wurde, im nächsten Angriff kam Centerspieler Tibor Pleiß zu seinem ersten und einzigen Feldkorb im gesamten Spiel. Die Szene scheint allerdings auch auf mangelnde Autorität des auf diesem Niveau unerfahrenen Bundestrainers im deutschen Team hinzuweisen.

Allerdings hat Frank Menz bei dieser EM nach zehn Absagen auch eine schwere Aufgabe, er musste aus der zweiten Reihe der deutschen Nationalspieler eine wettbewerbsfähige Mannschaft formen. Das ist ihm auf jeden Fall gelungen, in jedem Spiel hatte das Team eine Chance zum Sieg. „Unsere Jungs sind mit wenigen Ausnahmen nicht abgebrüht, sie sind hier um zu reifen“, sagte Frank Menz bei „spox.com“, „wir werden viel mitnehmen aus diesem Turnier.“ Der Präsident des Deutschen Basketball-Bundes Ingo Weiß betont ebenfalls, dass das Hauptaugenmerk nicht auf dieser Europameisterschaft liege, sondern auf der Entwicklung der Mannschaft. Weshalb die nächsten beiden EM-Spiele immer noch sehr wichtig sind. Wenn das Team schon nicht eine Runde weiterkommt. Benedikt Voigt

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