Sport : Basketball-EM: Pesic gegen Pesic

Benedikt Voigt

Es war nicht das erste Mal, dass Marko Pesic seinem Vater nicht gehorchte. "Ich war dagegen, dass er die Europameisterschaft spielt", sagt Svetislav Pesic, "sein Fuß ist nicht in Ordnung." Doch wenn eines Marko Pesic auszeichnet, dann ist es sein Eigensinn. Der deutsche Basketball-Nationalspieler ignorierte nach seinem Bänderriss vor einem Monat alle Ratschläge und arbeitete wie besessen daran, rechtzeitig zurückzukommen. "Nur zwei Leute haben daran geglaubt: er und Physiotherapeut Jo Kaufmann", berichtet Svetislav Pesic. Dann sagt er den Satz: "Wir müssen versuchen, Marko aus dem Spiel zu nehmen."

Svetislav Pesic ist nicht nur ein Vater, der sich über das starke Comeback seines Sohnes im Spiel am Freitag gegen Estland (92:71) freut. Er ist auch der Trainer der jugoslawischen Nationalmannschaft, die heute (18 Uhr, live im DSF) bei der Basketball-Europameisterschaft in Antalya gegen Deutschland um Platz eins in Gruppe C spielt. Gegen seinen Sohn. Doch das ist noch nicht alles. "Ich spiele gegen die Mannschaft, mit der ich bei Alba Berlin sieben Jahre lang gearbeitet habe", sagt Svetislav Pesic. Nur Dirk Nowitzki, Robert Garrett und Marvin Willoughby, die in Würzburg das Basketball spielen lernten, sowie den eingebürgerten US-Amerikaner Shawn Bradley hat er noch nicht trainiert. Alle anderen Deutschen sind seine Spieler. Er hat sie groß gemacht.

Die Familie Pesic kam 1987 aus Sarajevo nach Deutschland, weil Svetislav Pesic als deutscher Nationaltrainer anfing. Mittlerweile hat er sowohl einen jugoslawischen als auch einen deutschen Pass, sein Lebensmittelpunkt liegt in Deutschland. Als Entwicklungshelfer hat er das deutsche Basketball an die europäische Spitze herangeführt. Alle Erfolge im vergangenen Jahrzehnt sind mit seinem Namen verbunden. 1993 gewann er mit Deutschland überraschend den Europameisterschaftstitel, und 1995 holte er mit Alba Berlin den Korac-Cup.

Erst in diesem Winter übernahm der strenge und gelegentlich cholerische Trainer die jugoslawische Nationalmannschaft. Doch Svetislav Pesic wird seiner Wahlheimat treu bleiben, in der kommenden Saison trainiert er den Bundesliga-Aufsteiger Rhein-Energy Cologne. Wenn also Svetislav Pesic heute gegen Deutschland antritt, dann ist es so, als spielte er gegen sich selbst. Bei seinem Sohn wird das am deutlichsten, der ja tatsächlich ein Teil von ihm ist. Nach dem Estland-Spiel war Svetislav Pesic am Freitag der erste Gratulant der deutschen Mannschaft. Seinen Sohn herzte er besonders. "Ich freue mich, dass er Mut gezeigt hat." Doch heute muss der Vater seine Gefühle für das deutsche Team außer Acht lassen. Zumal die jugoslawische Mannschaft als Turnierfavorit den Europameistertitel anpeilt. Aber alles werde Fairplay sein, sagt Svetislav Pesic, seine Mannschaft brauche keine Fouls. Beim Spiel heute geht um den Gruppensieg - für beide Teams.

Es gibt noch einen Aspekt, der das heutige Spiel für Svetislav Pesic so bedeutsam macht. Am Donnerstag traf er sich in Antalya mit dem deutschen Kotrainer Burkhardt Prigge, der auch Kotrainer bei Alba ist. Zwei Stunden lang aßen und tranken sie und unterhielten sich. "Er ist ein sehr guter Freund", sagt er und wird sogar sentimental: "Ich habe nicht viele so gute Freunde wie ihn." In den sieben Jahren bei Alba Berlin bildeten die beiden ein abgestimmtes Trainergespann. Am Samstag sagte Svetislav Pesic: "Er fehlt mir."

Die Beziehung zu seinem Sohn war in der Zeit, als beide bei Alba Berlin waren, oftmals problematisch. Heute ist sie so gut wie nie. Früher galt Marko Pesic immer als der Sohn von Svetislav Pesic. Doch längst hat sich der 24-Jährige von seinem Vater gelöst, ist gereift und erwachsen geworden. Seit Juni ist er auch verheiratet. Über die heutige Partie sagte er im DSF: "Im Spiel gegen Jugoslawien kenne ich meinen Vater nicht, kenne mein Heimatland nicht, wo ich herkomme und aufgewachsen bin, dann ist es mir egal. Nach dem Spiel ist das eine andere Sache." Doch unter dem Korb zählen die familiären Bande nicht: "Wir wollen gewinnen und Erster werden." Es wäre nicht das erste Mal, dass der Sohn etwas anderes tut, als sich der Vater wünscht.

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