Sport : Basketball - EM: Tintenpatrone neben Bleistift

Benedikt Voigt

Mithat Demirel steht am Spielfeldrand der Abdi-Ipekci-Halle in Istanbul und gibt deutschen Journalisten ein Interview, als ihn plötzlich ein Mann auf Türkisch anspricht. Der deutsche Basketball-Nationalspieler blickt kurz auf und redet dann weiter. Ein paar Sätze später ruft ihm der Mann erneut etwas zu. Mithat Demirel unterbricht das Interview. "Ich muss jetzt mal ein Foto machen", sagt der Aufbauspieler von Alba Berlin zu den Journalisten, "sonst hört das hier nicht auf."

Mithat Demirel kennt die Hartnäckigkeit der Menschen in Istanbul. Seine Eltern sind ja auch Türken, die vor 30 Jahren nach Berlin gezogen sind. Das ist der Grund, warum der Aufbauspieler von Alba Berlin bei der Europameisterschaft in der Türkei so oft mit einheimischen Helfern für Fotos posieren muss. "Viele Türken sprechen mich an und freuen sich mit unserer Mannschaft", sagt Mithat Demirel, "aber am Samstag wird sich das ändern." Wenn heute (18 Uhr, live im DSF) Deutschland gegen die Türkei im EM-Halbfinale um den Einzug in das Endspiel am Sonntag spielt, werden 10 500 Türken nur für eine Mannschaft brüllen und pfeifen. "Das ist doch schön", sagt Bundestrainer Henrik Dettmann, "meinetwegen könnten es auch 30 000 Türken sein - solange nur fünf auf dem Spielfeld stehen." Im dramatischen Viertelfinale zwischen der Türkei und Kroatien (87:85 nach Verlängerung) hatte es am Ende der regulären Spielzeit sogar Rangeleien zwischen Zuschauern und kroatischen Betreuern gegeben. Ein Fan wollte einen Stuhl auf die kroatische Ersatzbank werfen. "Es wird auf jeden Fall Probleme geben", glaubt Demirel, "aber das wäre gar nicht schlecht, denn das hieße, dass wir gewinnen."

Gegen die Türkei anzutreten ist für den gebürtigen Berliner mit den türkischen Eltern und Verwandten eine besondere Situation. "Doch wenn ich auf dem Spielfeld gegen die Türkei spiele, sind keine Gefühle da", sagt Demirel. Der 23-Jährige rutschte erst am Ende der EM-Vorbereitung auf die Position als Aufbauspieler, weil der Bundestrainer für den eingebürgerten NBA-Spieler Shawn Bradley den Aufbauspieler Vladimir Bogojevic aus dem Team nahm. Der Basketball-Weltverband (Fiba) erlaubt pro Mannschaft nur einen Spieler, der nach dem 16. Lebensjahr einen Pass erhielt. Nun steht der gerade 1,80 Meter große Demirel in seinem bislang wichtigsten Turnier in der ersten Fünf. "Er ist ein Leader", sagt Dettmann über seinen kleinsten Spieler.

Neben dem 2,29 Meter langen Shawn Bradley wirkt der einen halben Meter kleinere Demirel wie eine Tintenpatrone neben einem Bleistift. Seine geringe Körpergröße versucht er auf dem Feld mit Schnelligkeit wettzumachen, doch bei dieser EM gelingt ihm das nicht immer. Nur selten bekommt er ein Foul gepfiffen, wenn er mutig mit dem Ball gegen wesentlich größere Centerspieler zum Korb zieht. Bei der EM kommt er in durchschnittlich 22,9 Minuten auf 6,2 Punkte. Auf der Spielmacherposition wechselt er sich mit Marko Pesic, Robert Garrett und auch Stefano Garris ab. Das ist ganz in seinem Sinne. "Bei fünf Spielen in sechs Tagen wäre der Kräfteverschleiß zu groß, wenn man jedes Mal 40 Minuten spielen würde."

Vor der kommenden Basketball-Saison kehrte Mithat Demirel nach eineinhalb Jahren beim Bundesligisten Mitteldeutscher BC zum Deutschen Meister Alba Berlin zurück. Dort ist er hinter dem US-Amerikaner Derrick Phelps nur zweiter Aufbauspieler. Doch auf eine Rolle im Verein will er sich noch nicht festlegen lassen. "Das muss sich erst in der Saison entwickeln", sagt Demirel, "man muss auch sehen, wie fit Henrik Rödl und Jörg Lütcke sind." Bei der EM versucht er viel zu lernen, vor allem vom NBA-Profi Dirk Nowitzki. Auch Demirel weiß, dass der große Erfolg der deutschen Mannschaft in erster Linie von einem Spieler abhängt. "Ohne Dirk würden wir hier ganz anders aussehen."

Nach der Saison 98/99 wechselte Demirel, der in Steglitz aufgewachsen ist, in die Heimat seiner Eltern zu Tofas Bursa. Doch als sein Trainer entlassen wurde und der neue Coach ihn auf die Flügelposition stellte, wechselte der Berliner nach einem halben Jahr zum Mitteldeutschen BC. Die Zeit als Basketballprofi in der Türkei hat ihm dennoch etwas gebracht. Im täglichen Leben habe er die Mentalität der Türken besser kennen gelernt, erinnert sich Mithat Demirel. "Da habe ich gemerkt, dass ich ein Deutscher bin."

0 Kommentare

Neuester Kommentar