Basketball-EM : Wenn die Zeit schneller läuft

Nach dem EM-Aus hoffen die deutschen Basketballer auf eine Wildcard für die WM - und sind stolz auf den starken Auftritt ihrer Nachwuchsspieler. Sie bewiesen, dass Deutschland auch ohne Dirk Nowitzki in gegen Europas Spitze mithalten kann.

Lars Spannagel[Bydgoszcz]
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Frust nach dem knappen Aus. Lucca Staiger (links) und Demond Greene nach der Niederlage gegen Kroatien.Foto: dpa

Lucca Staiger zögerte die entscheidende Sekunde. Gerade hatte der 21-Jährige im letzten Spiel der EM-Zwischenrunde einen Dreipunktewurf zum 57:54 gegen Kroatien verwandelt. Nun, nur 30 Sekunden später, stand er kurz vor Ablauf der 24-Sekunden-Uhr erneut frei – und traute sich nicht zu werfen. Stattdessen begann Staiger ein sinnloses Dribbling, die Angriffszeit lief ab, Deutschland hatte in Bydgoszcz die Chance verpasst, sich abzusetzen. Als jeder Ballbesitz gegen den wankenden kroatischen Favoriten zählte, zeigte sich bei den deutschen Basketballern doch noch, dass viele von ihnen vor diesem Sommer kein einziges Länderspiel bestritten hatten. Sechs Mal nacheinander verlor die Mannschaft von Trainer Dirk Bauermann den Ball, fast fünf Minuten lang gelang ihr kein Punkt. Am Ende verlor sie 68:70 (32:37) und verabschiedete sich von einer Europameisterschaft, bei der sie positiv überrascht hatte. Ein Sieg hätte fürs Viertelfinale gereicht.

„Heute haben wir das schlechte Ende eines wundervollen Sommers erlebt“, sagte Bauermann, während einige Spieler noch weinend in der Kabine saßen. Nach der Absage der NBA-Profis Dirk Nowitzki und Chris Kaman war dem Team in Polen gar nichts zugetraut worden. Nun hatte es zwar auch nur eins von sechs Spielen gewonnen, dabei aber gegen die europäische Spitze mitgehalten. „Wir haben uns viel Respekt erarbeitet“, sagte Bauermann. „Ich bin extrem enttäuscht, aber auch sehr stolz auf meine Mannschaft.“ Zu den größten Überraschungen zählte, wie selbstverständlich Elias Harris, Robin Benzing oder Lucca Staiger – alle drei waren ohne ein einziges Profispiel angereist – bei ihrem ersten großen Turnier mithielten. Heiko Schaffartzik konnte man während des ganzen Turniers den unerschütterlichen Glauben an sich und seine Mitspieler anmerken. „Wir haben die Zeit dieses Jahr ein bisschen schneller laufen lassen“, sagte Ingo Weiss, Präsident des Deutschen Basketball-Bundes (DBB).

Die WM im nächsten Jahr hat der DBB nun verpasst. Doch es hat sich ein Hintertürchen zum Turnier in der Türkei geöffnet: Der Weltverband Fiba wird noch vier Wildcards vergeben, die gleichzeitig die Qualifikation für die nächste EM bedeuten. Mindestens zwei dieser Wildcards werden wohl nach Europa gehen, eine davon wahrscheinlich an die in Polen enttäuschenden Litauer, die Gastgeber der EM 2011. Weiss glaubt, dass das junge deutsche Team zusammen mit der Aussicht auf ein Comeback von Nowitzki genug Argumente geliefert hat: „Deutschland hat diese Wildcard verdient, wir werden alles dafür tun.“ In diesem Fall könnte der DBB die EM wirklich uneingeschränkt als Erfolg verbuchen.

Heiko Schaffartzik kann das ohnehin. Der 25-Jährige war mit fast 13 Punkten pro Spiel nicht nur bester deutscher Werfer der EM, sondern auch einer der auffälligsten Spieler. Gegen Griechenland und Kroatien gelangen ihm 23 und 18 Punkte, jeweils bei hundertprozentiger Wurfquote. Hätte der Berliner nicht kurz vor der EM beim Bundesligisten Braunschweig unterschrieben, würden sich nun wohl die internationalen Jobangebote bei ihm stapeln.

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