Sport : Basketball-EM: Zwölf Freunde aus fünf Ländern

Benedikt Voigt

Wie ein muslimischer Pilger beim Abendgebet lag Marko Pesic auf dem Boden vor der deutschen Ersatzbank und verbarg das Gesicht in seinen Händen. Sein Mekka war in diesem Moment ein Basketballkorb in 25 Meter Entfernung. Dort stand Patrick Femerling und konnte mit zwei Freiwürfen das unglaubliche Comeback der deutschen Basketball-Nationalmannschaft zu einem guten Ende bringen. 22 Punkte hatte Deutschland gegen Griechenland in der ersten Halbzeit zurückgelegen und besaß nun, 4,6 Sekunden vor Schluss, auf einmal die Chance, uneinholbar mit fünf Punkten in Führung zu gehen. Pesic ertrug die Dramatik nicht mehr und wollte nicht hinsehen.

Femerling traf.

"Man hofft, dass die Dinger reingehen und versucht, gar nicht zu denken", sagte der 2,15 Meter große Center. Seine Freiwürfe besiegelten in der Zwischenrunde der Europameisterschaft das 80:75 (31:47) gegen Griechenland, das den Deutschen den Einzug ins Viertelfinale bescherte. Heute spielen sie in Istanbul gegen den Olympiazweiten Frankreich (20.15 Uhr, live im DSF). "Die Franzosen zählen zu den Favoriten", sagte Bundestrainer Henrik Dettmann, "aber wir sind die Jäger." Mit einem Sieg wäre sein Team im Halbfinale und hätte das Ziel erreicht, unter die ersten fünf zu kommen und sich für die WM 2002 zu qualifizieren. "Wir müssen einfach unsere zweite Halbzeit in ein Spiel packen", sagte Ademola Okulaja. In der zweiten Halbzeit hatten der Spieler vom FC Barcelona und seine Kollegen mit Kampfgeist und harter Verteidigung ein verrücktes Spiel noch gedreht. Okulaja sagte: "Ich habe immer an unsere Siegchance geglaubt."

Diese Einstellung zeichnet das Team aus. "In der Halbzeitpause haben wir uns nicht angemacht, sondern gesagt: Wir gehen jetzt raus und lassen alle negativen Emotionen auf dem Spielfeld", berichtete Okulaja. Dettmann sagte: "Wir wollten zumindest nicht aufgeben." Das war gar nicht so einfach. Seine Mannschaft hatte in der ersten Halbzeit schlecht verteidigt und schlecht geworfen. Dirk Nowitzki fand seinen Rhythmus nicht und erzielte nur sieben Punkte. Mit deprimierten Gesichtern saßen die deutschen Ersatzspieler auf der Bank, allein Kotrainer Rolando Blackmann redete immer wieder auf die Spieler ein und versuchte, eine positive Einstellung zu vermitteln. Mit Erfolg.

In der zweiten Halbzeit startete Nowitzki ins Spiel. Am Ende hatte er 25 Punkte und 15 Rebounds gesammelt und zeitweise sogar den Spielaufbau besorgt. Als das deutsche Team nach der Pause zum 40:47 (25.) aufschloss, begannen die zuvor so souveränen Griechen nervös zu werden. "Die hatten die Köpfe unten", sagt Okulaja, "und in ihren Augen lag Angst." Das war der Wendepunkt.

Schon jetzt hat sich die deutsche Multikulti-Truppe in der Türkei Sympathien und Respekt erarbeitet. Wie Exoten werden die Deutschen bestaunt, und das nicht nur, weil der 2,29 Meter lange Shawn Bradley mitspielt. Das deutsche Team besteht aus zwei Spielern mit nigerianischen Vorfahren (Okulaja, Arigbabu), vier mit US-amerikanischem Hintergrund (Garrett, Garris, Willoughby, Bradley), drei aus dem ehemaligen Jugoslawien (Pesic, Papic, Tomic), einem türkischstämmigen Spieler (Demirel) sowie Patrick Femerling und natürlich Dirk Nowitzki. Der blonde NBA-Spieler ragt wie ein junger Siegfried aus der Mannschaft heraus. Mit bislang durchschnittlich 26 Punkten ist der Mann von den Dallas Mavericks der überragende Spieler des Turniers. Doch den Sieg über Griechenland bewerkstelligte man als Mannschaft. Marko Pesic (14 Punkte) hatte eine Minute vor dem Ende mit seinem Dreipunktewurf zum 75:74 den wichtigsten Wurf der Partie getroffen, Patrick Femerling (14 Punkte) hielt seine Mannschaft in der ersten Halbzeit im Spiel. Vielleicht erklärt der Mannschaftskapitän das Erfolgsgeheimnis, wenn er sagt: "Wir sind wie Freunde." Auch Svetislav Pesic ist ein guter Freund des Teams. Vor dem Spiel hatte der Trainer der jugoslawischen Nationalmannschaft, dessen Sohn für Deutschland spielt, Dettmann im Hotel angerufen. "Er hat uns Glück gewünscht", berichtete der Bundestrainer, "und gesagt: Kämpft bis zur letzten Minute." Wie Recht er hatte.

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