Basketball : Fünf Verlängerungen für die Ewigkeit

Albas Basketballer bieten beim 141:127 über Bosna Sarajevo ein Spiel der Superlative. Die aufgewühlte Führungsriege versucht anschließend, das Unglaubliche in Worte zu fassen.

Helen Ruwald

BerlinJulius Jenkins war zu schwach zum Lachen. Er führte sein Team bei der Ehrenrunde in der Max-Schmeling-Halle an, doch seinem Gesichtsausdruck war nicht zu entnehmen, dass Alba Berlin eines der dramatischsten Spiele der Vereinsgeschichte gewonnen hatte. 141:127 nach fünf Verlängerungen gegen Bosna Sarajevo vor 5145 Fans, die den Basketball-Bundesligisten mit Standing Ovations feierten. Patrick Femerling und Philip Zwiener hüpften nach dem Uleb-Cup-Sieg lachend durch die Halle, Jenkins hingegen stand irgendwie all die Gratulationen durch, ehe er sich in der Kabine endlich hinlegen durfte. „Während des Spiels war ich ein bisschen müde, aber das Adrenalin lässt einen weitermachen“, erzählte der US-Amerikaner (33 Punkte). Doch als Bosna niedergekämpft war, kam der Spannungsabfall. „Ich fühle mich so schwach. Ich könnte heulen, wenn ich daran denke, wie viele Teile meines Körpers gerade schmerzen“, brachte Goran Nikolic (31 Punkte in 63 Minuten) nach einem Abend hervor, der für Trainer Luka Pavicevic „ein Beispiele dafür ist, warum Basketball eines der schönsten Spiele auf dem Planeten ist. Dieses Match wird allen ewig in Erinnerung bleiben.“

71:71 stand es nach der regulären Spielzeit, darauf folgte das 70:56 aus den fünf Verlängerungen – eigentlich waren es also zwei Basketballspiele. Bisher war die zweifache Overtime in der Vorsaison gegen Bremerhaven Alba-Rekord gewesen. Zur Legendenbildung trägt bei, dass Alba das Spiel der Superlative mit einem stark dezimierten Kader gewann. Thompson (Sprunggelenk) und Simon (Rücken) fehlten ohnehin, am Ende hatte Alba wie auch Bosna nur noch fünf Mann, die nicht mit fünf Fouls ausgeschieden waren. In der regulären Spielzeit hatte es Mladen Pantic erwischt, in der Verlängerung folgten Aleksandar Rasic, Patrick Femerling, Vujadin Subotic und Julius Jenkins.

Die letzten fünf Aufrechten schleppten sich übers Parkett, Ersatzspieler gab es nicht mehr. Zu Bobby Brown (44 Punkte, davon 31 in der Verlängerung), Nikolic und Zwiener kamen zwei Berliner, die eigentlich nur auf der Bank saßen, weil das Uleb-Cup-Reglement zehn Spieler vorschreibt. Tatsächlich mitmischen sollten sie nicht. Dragan Dojcin riskierte bei seinem sechsminütigen Zwangseinsatz eine Verschlechterung seiner Achillessehnenreizung. Philipp Heyden kam mit Magen-Darm-Problemen und 21 Sekunden Bundesliga-Erfahrung zu seinem UlebCup-Debüt und führte sich mit einem Dunking ein. Ausgerechnet die Letzte Fünf ließ sich nicht stoppen und gestaltete den Endstand überdeutlich.

Albas aufgewühlte Führungsriege versuchte anschließend, das Unglaubliche in Worte zu fassen. Für Dieter Hauert aus dem Alba-Aufsichtsrat rangiert der Triumph „gleich nach dem Korac-Cup-Sieg 1993“, Geschäftsführer Marco Baldi sprach von einer „rauschenden Basketballnacht. Ich bin seit 30 Jahren dabei, aber so etwas habe ich noch nicht ansatzweise erlebt.“ Die Kameras fingen nach dem Happyend einen völlig enthemmten Baldi ein, der seine Emotionen nicht mehr kontrollieren konnte. Aufsichtsratssprecher Axel Schweitzer hatte staunend auf der Tribüne gesessen. „Das heute, das war Alba“, sagte er, „Wir waren zwischendurch tot. Ich bin stolz, dass wir nicht aufgegeben haben.“ Im dritten Viertel lagen die lange schwachen Berliner mit neun Punkten zurück, 12,1 Sekunden vor Ende des vierten Viertels erzwang Brown mit zwei Freiwürfen die Verlängerung, mit der Schlusssirene der dritten Verlängerung glich er mit einem Dreipunktewurf erneut aus. „Wir haben nie an uns gezweifelt“, sagte Brown. Das Spiel werde sich in die Seelen der Profis einbrennen, meint Baldi, und bei schwierigen Aufgaben Energie freisetzen.

Mit dem Sieg hat Alba einen wichtigen Schritt zum Einzug in die nächste Runde gemacht. Doch dieser 4. Dezember 2007 könnte für das neu zusammengestellte Team noch viel mehr sein: Es hat sich damit in die Herzen der Fans und ins Bewusstsein der Öffentlichkeit katapultiert. Von Alba Berlin, dem in der Vorsaison im Play-off-Viertelfinale kläglich gescheiterten Team mit den großen Ambitionen, wird wieder mit Hochachtung geredet. Zumindest für ein paar Tage. „Man ist immer nur so gut wie das letzte Spiel“, sagt Trainer Pavicevic, „das ist brutal.“ Schon am Sonnabend muss Alba mit sehr schweren Beinen beim Deutschen Meister Bamberg antreten. „Kurzfristig ist das Spiel gegen Bosna nicht hilfreich“, glaubt Baldi deshalb. Mittelfristig vielleicht schon. Und der deutsche Meistertitel wird ja erst im Juni 2008 vergeben.

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