Sport : Basketball: Mit dem Morgen kommt der Aufstieg

Dietmar Wenck

Der litauische Basketball ist so etwas wie ein Markenzeichen für das kleine baltische Land, das nicht einmal vier Millionen Einwohner hat. Viele haben am Fernseher verfolgt, wie die schnellen, wendigen Spieler aus Litauen bei den Olympischen Spielen in Sydney drauf und dran waren, das so genannte Dream Team aus den USA im Halbfinale zu besiegen. Am Ende hieß es 83:85, aber die Verlierer gewannen immerhin zum dritten Mal in Folge nach 1992 und 1996 die Bronzemedaille. Bekannt ist auch der Name des bärenhaften Arvidas Sabonis, der bei den Portland TrailBlazers in der NBA ein Star ist. Und schließlich wurde Zalgiris Kaunas vor eineinhalb Jahren Europameister der Vereine. So weit, so bekannt. Aber wer ist eigentlich Lietuvos Rytas Wilnius?

Das ist der heutige Gegner von Alba Berlin (Beginn 20.30 Uhr, Schmeling-Halle) in der neuen SuproLeague. "Die spielen in Schwarz oder Rot oder Weiß", sagt der Berliner Assistenztrainer Burkhardt Prigge, der über diesen Kontrahenten auch nicht so viel weiß wie über andere europäische Spitzenteams. Wilnius hat in der vergangenen Saison den litauischen Serienmeister Zalgiris gestürzt und qualifizierte sich deshalb als Meister seines Landes für die SuproLeague.

1999/2000 war zugleich die erfolgreichste Saison in der Geschichte des 1964 gegründeten Vereins. Im Saporta-Cup, dem zweithöchsten europäischen Vereinswettbewerb, erreichte Lietuvos Rytas das Halbfinale und scheiterte dort mit nur einem Punkt Differenz an Kinder Bologna. In der Nordeuropäischen Basketball-Liga (NEBL) zog Wilnius sogar ins Finale ein, unterlag jedoch ZSKA Moskau. Trotzdem herrschte allgemeine Zufriedenheit in Wilnius. Denn drei Jahre zuvor schien die kurze Geschichte des Vereins, der ursprünglich Statiba heißt, schon beendet zu sein. Er stand vor dem Ruin. Aber es gab wie so oft im Leben einen neuen Morgen: den "Litauischen Morgen", die "Lietuvos Rytas", die auflagenstärkste Tageszeitung in Litauen. Sie stieg 1997 als Hauptsponsor ein, weitere Geldgeber folgten, und seitdem ging es wieder aufwärts.

Der Verein hatte schon immer Stars hervorgebracht, zum Beispiel den späteren NBA-Spieler Sarunas Marciulionis, Europas Basketballer des Jahres Arturas Karnisovas oder auch den heutigen litauischen Nationaltrainer Jonas Kazlauskas und den Verbandspräsidenten Algimantas Pavilonis. Doch sobald die Spieler eine gewisse Klasse erreicht hatten, wechselten sie entweder nach Kaunas, ins europäische Ausland oder, wie Marciulionis, sogar in die USA. Nun hat Lietuvos Rytas wieder die größten Talente des Landes in seinem Team versammelt, unter anderen Arvidas Macijauskas, Robertas Javtokas und Ramunas Siskauskas, keiner von ihnen älter als 22 Jahre, aber alle mit einem großen Basketball-Potential. Sie wurden mit langfristigen Verträgen gebunden. Gehen sie dennoch, kann der Verein wenigstens eine Ablösesumme erwarten.

Siskauskas war bereits in Sydney dabei, ebenso sein Vereinskollege Andrius Giedraitis, der in den vergangenen vier Spielzeiten dreimal zum wertvollsten Spieler der litauischen Liga LKL gewählt wurde. Die Mannschaft von Lietuvos Rytas wurde kaum verändert, nur mit dem amerikanischen Center Greg Grant (vom FC Porto) und Kestutis Sestokas (von Zalgiris) noch verstärkt. Zwar beginnt die Punktspielsaison in Litauen erst am Wochenende, doch Abstimmungsprobleme scheint das Team nicht zu haben. Die ersten beiden NEBL-Spiele gegen den Tschechischen Meister USK Prag (87:71) und den Ukrainischen Meister BC Kiew (101:92) wurden sicher gewonnen. Sestokas ragte dabei als Werfer und Rebounder heraus.

Dem Spiel der Litauer kommt die neue Zeitregel, wonach ein Angriff nur 24 Sekunden dauern darf, sehr entgegen. Sie haben, im Nationalteam wie bei Lietuvos Rytas, gute Distanzschützen und viele flinke, eher etwas kleinere Spieler. "Sie sind sehr gut ausgebildet, in der Spielanlage relativ flexibel, spielen wenig Systeme und haben viele Freiheiten", sagt Prigge. "Ihre individuelle Vielseitigkeit ist ihre Stärke." Das macht die Sache schwierig für den Gegner, denn der weiß nie, was ihn erwartet, eigentlich nur, dass immer etwas Unerwartetes passieren kann. Eine Erfahrung, die auch das Dream Team in Sydney machen musste.

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