Sport : Basketball: Nie getroffen, nie telefoniert

Sven Simon

Glücklich sah Henrik Dettmann nicht aus. Beim Vier-Nationen-Cup in Braunschweig wollte der deutsche Bundestrainer seine Mannschaft auf die Basketball-Europameisterschaften vorbereiten. Dort ist ein fünfter Platz Pflicht, um bei den Weltmeisterschaften 2002 in Indianapolis dabei zu sein. Doch nach Niederlagen gegen Weltmeister Jugoslawien (78:88), den Olympiazweiten Frankreich (72:83) sowie Litauen (64:95) belegte das deutsche Team nur den letzten Platz. Allerdings fehlten Dettmann wichtige Spieler. Einige können nicht spielen wegen Verletzungen, zwei dürfen nicht. Die beiden, Dirk Nowitzki und Shawn Bradley von den Dallas Mavericks, beherrschten trotz Abwesenheit die Diskussion: Nowitzki ist erst ab dem 15. August dabei, 16 Tage vor dem ersten EM Vorrundenspiel. "Die Mavericks erlauben mir nur zwei Wochen Vorbereitung auf die EM erlauben", sagt Nowitzki. Er läuft deshalb nur in fünf von zwölf Testspielen auf.

Der Amerikaner Shawn Bradley ist in Landstuhl in Rheinland-Pfalz geboren. Der Deutsche Basketball Bund (DBB) versucht den 2,30 Meter langen NBA-Profi einzubürgern. Wolfgang Brenscheidt, Sportdirektor des DBB, möchte über das Verfahren nicht reden, um es nicht zu gefährden. Alle Unterlagen, auch ein Führungszeugnis des FBI seien eingereicht, es fehle nur noch die Stellungnahme einer übergeordneten Instanz. Ob die Einbürgerung Bradleys von herausragendem öffentlichem Interesse sei, sagte Brenscheidt in der Fachzeitschrift Basketball. Der DBB-Präsident Roland Geggus hatte gehofft, dass die Entscheidung noch vor dem Turnier falle, nun soll es in der kommenden Woche klappen. Dann könnte Bradley als naturalisierter Deutscher auflaufen.

Dettmann hat Bradley noch nie getroffen, auch nicht mit ihm telefoniert. Die Idee zur Einbürgerung stammt nicht von ihm. "Ich kümmere mich um Basketballer mit einem deutschen Pass", sagte er. Glücklich sah er dabei nicht aus. Es darf nur ein Spieler bei der Europameisterschaft antreten, der nach seinem sechzehnten Lebensjahr eingebürgert wurde. Vladimir Bogojevic dürfte dann nicht mit. Einen Spielmacher wie Bogojevic-(53 Länderspiele) braucht Dettmann aber, da mit Marko Pesic, Henrik Rödl, Jörg Lütcke und Denis Wucherer gestandene Nationalspieler verletzt sind, die beim Spielaufbau helfen könnten. "Wenn Bradley hier wäre, könnte man sehen, was er der Mannschaft geben kann", sagt Bogojevic. "Ich bin jedenfalls hier. Hier, um mich zu empfehlen." Moralische Verpflichtungen eines Verbandes gegenüber einem altgedienten Nationalspieler seien im Sport etwas überholt, ergänzt er mit einem ironischen Lächeln. Gegen Jugoslawien zeigte Bogojevic mit zwölf Punkten und sechs Assists, wie wertvoll er ist.

Seine Mitspieler jubelten besonders stark über gelungene Aktionen von ihm, die Sympathien schienen klar verteilt: Bogojevic mögen sie, Bradley kennen sie nicht. Alba Berlins Jungnationalspieler Stefano Garris würde Bogojevic vorziehen, "weil er die ganze Vorbereitung mitgemacht hat". Kapitän Denis Wucherer ist realistischer: "Wenn Bradley Deutscher wird, dann spielt er." Auch wenn man eigentlich kein Problem bei den Rebounds habe. 30 Bälle fischten die Deutschen am Samstag vom Brett, die Weltmeister aus Jugoslawien nur 18. Bogojevic habe sehr gut gespielt, aber ein Center von 2,30 Meter gebe dem Team in der Verteidigung "eine ganz andere Dimension", das flöße den Gegnern Respekt ein, sagte Wucherer. Die Entscheidung wäre dann zwar hart für Bogojevic, aber so sei das Geschäft.

Viel Geld verdienen möchte auch Ademola Okulaja. Der Nationalspieler stand letztes Jahr kurz beim Vizemeister der NBA, den Philadelphia 76ers unter Vertrag und spielte danach in Spanien. Er empfahl sich bis Mitte vergangener Woche in der amerikanischen Sommerliga für einen erneuten Vertrag in der NBA, fehlte deshalb beim Lehrgang in Finnland und zwei Spielen. Der DBB habe keine Druckmittel gegenüber seinen Spielern, sagt Brenscheidt.

Gegen Frankreich spielte Okulaja bemüht aber ohne Bindung zum Team, gegen Jugoslawien war er mit 25 Punkten bester Werfer. Einen Spieler ins Team einzubauen kostet eben Zeit, und die hat Dettmann nicht. Dirk Nowitzki muss er noch integrieren, aber der kennt das Team, Center Bradley nicht. Mit Patrick Femerling hat der DBB einen Center, der konstant gut spielt. Deshalb sind die Bemühungen der Funktionäre um den NBA-Riesen schwer nachzuvollziehen. Ob sie damit jemanden glücklich machen außer sich selbst, ist fraglich.

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