Sport : Basketball: Taumelnde Traumtänzer

sid

Sie schwitzten, sie zitterten, sie hatten die Panik im Blick, am Ende hatten sie nicht einmal mehr Kraft zum Jubeln: Nur um Haaresbreite entkam das Dream Team der USA bei den Olympischen Spielen in Sydney am Freitag einer Blamage. In einem denkwürdigen Halbfinale stolperten die Basketballer aus der amerikanischen Profiliga NBA zu einem glücklichen 85:83 (48:36)-Sieg gegen den Olympia-Dritten aus Litauen. Vor 14 653 begeisterten Zuschauern im Hexenkessel Superdome scheiterte der Litauer Sarunas Jasikevicius in der Schlusssekunde mit einem Dreier und verpasste damit eine der größten Sensationen bei den Olympischen Spielen.

Nach dem dramatischen Spiel fiel der amerikanische Trainer Rudy Tomjanovich seinen Traumtänzern erleichtert um den Hals, schweißgebadet und mit den Nerven am Ende. "Mir ist das Herz in die Hose gerutscht", gestand zumindest Antonio McDyess von den Denver Nuggets. Der große Vince Carter, mit 18 Punkten erneut der beste Werfer, spielte hingegen das Großmaul: "Es mir scheißegal, was die Welt denkt. Wir haben nicht verloren. Schaut euch den Endstand an", blaffte der Star der Toronto Raptors nach dem Krimi kurz vor Mitternacht die wartenden Journalisten an.

Während die im Vorfeld so arroganten US-Stars trotz des Finaleinzugs mit hängenden Köpfen in den Katakomben verschwanden, wurden die Litauer von den Fans frenetisch gefeiert. Das Team USA trifft im Finale am Sonntag auf Frankreich, das sich 76:52 gegen Gastgeber Australien durchsetzte.

Bei einer Niederlage wären die milliardenschwere US-Spieler vor allem in den USA mit Hohn und Spott überschüttet worden. Sie kamen gerade noch davon, aber immerhin zeigte die Anzeigetafel den knappsten Sieg, den ein aus NBA-Profis bestehendes US-Team bei Olympischen Speilen jemals erreicht hatte. Von 110 olympischen Partien verloren die USA nur zwei: 1988 in Seoul im Halbfinale und 1972 in München im Finale jeweils gegen die damalige Sowjetunion. Gegen Litauen wäre fast die dritte Pleite hinzugekommen.

Wie schon in der Vorrunde, als das Team USA beim 85:76 gegen den zweimaligen Olympia-Dritten bis zum Ende zittern musste, lief auch diesmal nichts zusammen. Stümperhafte Aktionen im Angriff und katastrophale Fehler in der Abwehr ließen Litauen nach einem 36 48-Pausenrückstand beim 56:54 wieder in Führung gehen.

Bis zur letzten Sekunde ging es ständig hin und her. Tomjanovich stand erstmals wild schimpfend und zornig an der Seitenlinie, als die Litauer 5:30 Minuten vor Schluss mit 68:68 den Gleichstand erzielten. Als Jason Kidd neun Sekunden vor dem Ende nur einen von zwei Freiwürfen zum 85:83 verwandelte, hielt es keinen der Zuschauer mehr auf den Sitzen. Litauen war in Ballbesitz und die große Sensation zum Greifen nahe, doch Jasikevicius, mit 27 Punkten bester Spieler auf dem Platz, scheiterte mit einem Verzweiflungswurf, als die Schlusssirene schon durch die Halle tönte.

Nun treffen die USA auf die Underdogs aus Frankreich, das sich bei seiner ersten Olympia-Teilnahme seit 1956 in Melbourne gleich ins Finale katapultierte. Damit kommt es zugleich zur Neuauflage des Endspiels von 1948 in London (65:21 für die USA). In Sydney hatte Frankreich in der Vorrunde beim 94:106 gegen die USA so viele Punkte erzielt wie noch keine Mannschaft zuvor.

Dabei hatten die Franzosen mit zwei Siegen und drei Niederlagen nur wegen des besseren direkten Vergleichs gegenüber China als Vierter das Viertelfinale gerade noch erreicht. "Wir haben keine Angst vor den Amerikanern. Gegen Australien haben wir gezeigt, was wir können, wir haben einfach mit viel mehr Herz gespielt", sagte der Franzose Cyril Julian. "In der Vorrunde haben wir zwar gegen die USA verloren, im Finale wollen wir es aber besser machen." Die Angst vor dem großen Dream Team, sie hat sich am Freitag verflüchtigt.

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