Basketball : Tunnelblick zum Meistertitel

Mit einem Sieg kann Alba heute ins Finale einziehen. Die Spieler von der Bank könnten den entscheidenden Unterschied ausmachen.

Helen Ruwald

Berlin – Verwundert und etwas angefressen war Alba Berlins Geschäftsführer Marco Baldi, als ein Journalist nach Albas Sieg im zweiten Play-off-Halbfinale in Oldenburg Berlins „tiefe Bank“ als Erfolgsgrund ausmachte. Tiefe Bank bedeutet in der Basketballsprache, dass auf der Ersatzbank viele starke Spieler sitzen, die nach ihrer Einwechslung den Unterschied machen können. Solche Profis gibt es bei Alba, aber nicht viele. „Tiefe?“, sagt Baldi, „wir haben für drei Außenpositionen vier Spieler.“ Bei beiden Halbfinal-Siegen gegen die EWE Baskets ließ Trainer Luka Pavicevic mit einer Achter-Rotation spielen, nur drei Mann brachten Entlastung von der Bank: Aleksandar Nadjfeji, der beim ersten Sieg in 18 Minuten 17 Punkte erzielte, Dragan Dojcin oder Goran Nikolic sowie Philip Zwiener, gerade erstmals fürs Nationalteam nominiert. Mladen Pantic und die Nachwuchsspieler Oskar Faßler und Yannick Evans dürfen nur mitmachen, wenn bei Alba Showtime ist, wie bei den Kantersiegen im Viertelfinale gegen Bremerhaven. Nationalspieler Johannes Herber, Nico Simon und Aleksandar Rasic sind seit Monaten verletzt.

Dennoch hat Pavicevic sein Team, das heute (17.30 Uhr, Max-Schmeling-Halle) mit einem weiteren Sieg ins Finale einziehen kann, noch rechtzeitig zu einer Einheit zusammengebaut. Pünktlich zu den Play-offs, in denen Alba als einziger Bundesligist in bisher fünf Spielen fünf Siege gefeiert hat, ist die Mannschaft in Topform, auch wenn Immanuel McElroy sich im Viertelfinale eine Bänderdehnung zuzog und Nikolic seit Monaten mit eingerissenem Meniskus spielt. Die durch Verletzte, Neuverpflichtungen und Trennungen entstandene Unruhe hat sich gelegt. Anfang Mai waren die Berliner bei der Pokal-Endrunde auch an mangelnder Nervenstärke gescheitert – binnen vier Wochen hat die Mannschaft die Nerven in den Griff bekommen und einen Play-off-Tunnelblick entwickelt. „Das Team wirkt kompakt und fokussiert“, sagt Baldi.

Sportdirektor Henning Harnisch sagte nach dem 79:66 am Donnerstag in Oldenburg nach furioser zweiter Halbzeit: „Wir sind beim Rückstand ruhig geblieben. Zwei Dinge sind da wichtig: Man hat die Spieler und die Fitness.“ Letzteres zeige sich erst am Ende – in beiden Spielen konnte Alba in der Schlussphase die Partie drehen. „Wenn man fit ist, trifft man bessere Entscheidungen“, sagt Harnisch. Dabei hilft die Routine der Spieler, die schon Meister waren: McElroy und Nadjfeji mit den Köln 99ers, Nikolic mit Efes Pilsen Istanbul, Femerling mit Alba, dem FC Barcelona und Panathinaikos Athen. Ihre Ruhe strahlt auf den jungen Spielmacher Bobby Brown ab, der in den Play-offs zeigte, dass er auch unter Druck das Team führen kann.

Albas Personal hat sich gefunden, dabei hatten die Verantwortlichen bei der Personalplanung nicht immer ein glückliches Händchen. Vier Profis mussten in der Saison gehen, weil sie sportlich oder menschlich enttäuschten. Dijon Thompson flog eine Woche vor Play-off-Beginn aus disziplinarischen Gründen raus. Die Stimmung im Team sei ohne Thompson besser, heißt es aus dem engsten Alba-Umfeld. Johannes Herber hatte kurz nach Thompsons Abgang „nicht das große Gefühl, dass was fehlt“. Das liegt auch daran, dass Nadjfeji und McElroy, die im Februar den insolventen Kölnern abgekauft wurden, das Beste sind, was Alba passieren konnte. Sie verkörpern Kampfgeist und rufen im entscheidenden Moment ihre Leistung ab.

„Die Mannschaft ist die Saison über gebeutelt worden und hat die Hauptrunde trotzdem als Erster beendet“, hat Patrick Femerling vor Play-off-Beginn gesagt. Soll heißen: Ungebeutelt ist von Alba einiges zu erwarten. Zum Beispiel der Meistertitel, dem Alba heute einen Schritt näher kommen könnte.

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