Basketball : Wie der Freak in die City kommt

Alba Berlin ist am Sonntag beim amtierenden deutschen Meister aus Bamberg zu Gast. Bei den Brose Baskets Bamberg werden stets aus braven Bürgern die fanatischsten Fans der Basketball-Liga - wie zum Beispiel Frank Lauterwein.

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Die Blechtrommler. Frank Lauterwein (vorne rechts) und die Bamberger Fans machen Stimmung. 
Die Blechtrommler. Frank Lauterwein (vorne rechts) und die Bamberger Fans machen Stimmung. Foto: Ingo Schmidt-Tychsen

Es ist 17.25 Uhr und Frank Lauterwein wird zum Freak. Der 48 Jahre alte Außendienstler eines Pharmaunternehmens steht in seiner blitzsauberen Wohnung, in der kein Staubkorn herumfliegt. Er zieht Jacket und Krawatte aus und tauscht beides gegen ein armfreies Synthetik-Leibchen. Er sprüht rote Farbe in seine akkurat nach oben gegelten Haare, tunkt zwei Finger in rote und weiße Creme und zieht sie wie Kriegsbemalung über seine Wangen. Aus seinen Augen züngeln Flammen – die rot-orangenen Kontaktlinsen mit der Feueroptik bringen den gewünschten Effekt. Eine rot-blinkende Brille rundet das Bild ab.

Es sind noch zwei Stunden bis Spielbeginn in „Freak City“. So nennen die Fans des deutschen Basketball-Meisters Bamberg die eigene Stadt, die sich mit ihrem Fanatismus nicht nur Freunde macht. Die Fans gelten als laut, fanatisch und manchmal zu wild für die familienausflugstaugliche Bundesliga. Sie üben starken Druck auf die Schiedsrichter aus und bepöbeln ihre Gegner, lauten nur zwei der Vorwürfe anderer Teams und Fans. „Ich will Bamberg heute unbedingt schlagen, weil ich die einfach nicht mag“, hat Aufbauspieler Heiko Schaffartzik vom ewigen Rivalen Alba Berlin vor dem Hinspiel im November gesagt. Das Rückspiel heute in Bamberg (14.35 Uhr, live auf Sport1), in dem Alba Platz zwei sichern will, verspricht deshalb umso hitziger zu werden.

Was sind das für Menschen, die in wenigen Stunden von braven Kleinstadtbürgern zu fanatischen Freaks mutieren?

Die Anfahrt von Frank Lauterweins Wohnung zur Arena in Bamberg dauert 15 Minuten. Er lädt die Trommel ins Auto und fährt los. Er ist spät dran. „Bei so wichtigen Spielen bin ich normalerweise drei Stunden vorher in der Halle.“

An diesem Mittwoch geht es gegen Würzburg. Ein fränkisches Derby. Mehr noch. „Die haben uns beim letzten Mal als Bauern verhöhnt“, erzählt Frank während der Fahrt. „Eine Frechheit!“ Die Adern an den kräftigen Armen des Mannes stechen hervor, als er das Lenkrad seines Kombis fast zerdrückt. Würzburg ist mit 130.000 Einwohnern ebenfalls keine Weltstadt. Frank schüttelt den Kopf. „Dafür wollen wir’s den Würzburgern heute zeigen.“

Frank betritt die Arena in Bamberg um 18.29 Uhr. Noch eine Stunde bis zum Spiel gegen Würzburg. Petra, Tanja und die anderen sind schon da. Umarmung hier, Küsschen da. Es werden die letzten Details geregelt: Wer steht wo mit welcher Trommel. „Ich bin schon den ganzen Tag aufgeregt, aber jetzt zieht der Puls so richtig an“, sagt Frank Lauterwein. Als es endlich losgeht, steht der Außendienstmitarbeiter in der ersten Reihe neben Petra Huber, 54, Verwaltungsangestellte im Landratsamt. Beide haben sich eine große Trommel vor den Bauch geschnallt.

Tip-off. Bei jedem Korb der Bamberger reißen Frank und Petra die Arme samt Schlägeln in die Luft. Sie brüllen und jauchzen. Auf der gesamten Südtribüne stehen die Fans Trikot an Trikot. Dieses rote Meer peitscht und pfeift so laut, dass es ohne Ohrenstöpsel kaum auszuhalten ist.

Die Halle ist mit 6800 Zuschauern ausverkauft. So wie immer. Die Auslastung in dieser Saison liegt bei 99,94 Prozent. Aber weshalb begeistern sich die Bamberger eigentlich so sehr für Basketball? Laut und provokant, das passt eigentlich gar nicht zu dem verschlafenen 70.000-Einwohner-Städtchen mit dem hohen Studentenanteil (12 500), dem hübschen Dom und der Weltkulturerbe-Altstadt.

Doch nicht erst seit den großen Erfolgen in der jüngsten Vergangenheit (zweimal hintereinander Meister und Pokalsieger) strömen die Fans zu den Spielen. Wegen der Tradition, sagen viele. Seit über vierzig Jahren spielt Bamberg fast ohne Unterbrechung in der höchsten deutschen Spielklasse. Die in Bamberg stationierten US-Amerikaner hatten Basketball mitgebracht, die erste Bamberger Mannschaft spielte in der John-F.-Kennedy-Halle auf dem Kasernengelände.

Frank ist seit zehn Jahren dabei, er ist der Prototyp eines Bamberger Fans. Er kommt aus dem Landkreis Bamberg, so wie etwa 65 Prozent der Zuschauer, hat eine Dauerkarte, so wie knapp die Hälfte der Fans, ist Angestellter (etwa 39 Prozent). Nur mit seinen 48 Jahren liegt Frank etwas über der größten Altersgruppe der 21- bis 45-Jährigen, die 61 Prozent ausmachen. Als er sich mit seinem Sohn zum ersten Mal ein Spiel der Bamberger angesehen hatte, kannte er noch nicht einmal die Regeln. Der rasante Sport und die Stimmung aber haben ihn sofort gepackt. In zehn Jahren hat er nur acht Heimspiele verpasst, die Gegner kann er aufzählen. Zu den Auswärtsspielen schafft er es aus beruflichen Gründen nicht immer. „Das sehen die anderen Fans manchmal nicht so gern“, sagt Frank. Er meint das ernst.

Das Spiel gegen Würzburg ist ziemlich einseitig. Bamberg zieht rasch davon, die Lautstärke lässt mit der Zeit nach. Besonders hitzig oder feindselig ist die Stimmung nie. Nach dem klaren Sieg sinkt Frank Lauterweins Puls allmählich wieder. Die Zuschauer seien durch den Erfolg vernünftiger und ruhiger geworden, meint er. Der schlechte Ruf sei ein Überbleibsel. Aus der Zeit, als Center Chris Ensminger unter dem Korb kloppte, Trainer Dirk Bauermann an der Seitenlinie die Halsschlagader zu platzen drohte und die Fans Gegner in Grund und Boden buhten.

Stimmt das? Die Schmährufe und Pfiffe gegen Sven Schultze haben viele Fans noch im Ohr. Der Alba-Profi ist in Bamberg aufgewachsen und wurde im letztjährigen Finale noch während der Bamberger Siegerehrung ausgebuht. „Das waren ein paar wenige, die von den Hintergründen nichts wissen“, meint Frank Lauterwein.

Auf die Provokation von Schaffartzik wollen die Bamberger nicht mit Pfiffen reagieren. Und den „Bauern“-Rufen der Berliner Fans wollen sie mit Humor begegnen und sich als Bauern verkleiden. Das einzige Problem bei der Planung: „Es wusste niemand so recht, wie sich Bauern eigentlich anziehen.“

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