Sport : Basketball wie im Traum

Zu klein, zu dünn, zu faul: Tony Parker sollte eigentlich nie für die San Antonio Spurs spielen – nun führte er sie zur Meisterschaft

Matthias B. Krause[New York]

Manche kriegen einfach alles: den Ruhm, die Ehre, das Geld und eine schöne Frau. Wenn man Tony Parker fragt, wie er das angestellt hat, erntet man nur Schulterzucken. Nicht, dass der Spielgestalter der San Antonio Spurs denken würde, er habe das alles nicht verdient – an Selbstbewusstsein mangelt es ihm kaum. Aber manchmal wird es ihm doch selbst ein wenig unheimlich. „Ich träume“, rief er, als er Donnerstagnacht in der Basketball-Arena in Cleveland die Trophäe für die NBA-Meisterschaft in die Höhe stemmte, „weckt mich nicht auf.“ Doch selbst wenn es tatsächlich nur ein Traum wäre, sich der Meister-Pokal und jener, den er als Wertvollster Spieler des Finales erhielt, über Nacht in zwei hässliche Kürbisse verwandelten, bliebe da immer noch Eva Longoria. Die ist ein Star ganz eigenen Kalibers, berühmt geworden durch die TV-Serie „Desperate Housewives“, eine der Schönsten unter den Hollywood-Schönen, und hat Parker versprochen, ihn nächsten Monat in Paris zu heiraten.

An dieser Stelle wären die meisten längst abgehoben, entschwunden in die Scheinwelt von Film und Sport. Doch Parker hat Gregg Popovich, seinen Coach bei den Spurs, der lässt so etwas nicht zu. Noch auf dem Siegerpodest, nach dem vierten und endgültigen Erfolg gegen die in der Endspielserie völlig überforderten Cleveland Cavaliers, flüsterte er seinem Regisseur eine Anekdote ins Ohr, die beide herzlichen lachen ließ. 2001 luden die Spurs einen jungen Mann aus Frankreich zum Training ein, um zu entscheiden, ob sie ihn verpflichten würden. Schon nach der Hälfte der Übungen winkte Popovich enttäuscht ab: Das wird nie etwas mit dem kleinen dürren Kerl da. Schließlich nahmen sie ihn dann doch, weil ihn kein anderer haben wollte und er billig war. Schon nach fünf Spielen dann übertrug Popovich Parker die Verantwortung auf der Aufbauposition – und die gab der nicht ab, bis die Spurs 2002 den zweiten Meistertitel ihrer Vereinsgeschichte gewannen.

Trotzdem wollte Popovich den als Sohn eines Profi-Basketballers aus Chicago und eines holländischen Models in Belgien geborenen Franzosen danach am liebsten gegen Jason Kidd von den New Jersey Nets eintauschen. Als Parker von den Plänen Wind bekam, wurde er bei seinem Coach vorstellig. Heute erinnert er sich an das Gespräch so: „Ich sagte ihm, ich will der Aufbauspieler dieses Teams sein, und ich werde hart an mir arbeiten. Er wurde ziemlich wütend.“ Trotzdem behielten die Spurs den Jungen mit der bis dahin zweifelhaften Arbeitsethik. Fortan war er Popovichs Lieblingszielscheibe. Was immer Parker auch tat, es war nicht genug. „Ich war 21, ich dachte, ich sei der beste Spieler der Welt“, erinnert sich Parker, „doch er hat mich getriezt ohne Ende. Damals war es kaum auszuhalten, aber es hat mich so weit gebracht, wie ich heute bin.“

2004 gewannen die Spurs ihre dritte Meisterschaft, damals wurde Center Tim Duncan als bester Spieler geehrt. Dieses Mal musste er Parker den Vortritt lassen, was er gerne tat: „Tony war unglaublich, einfach großartig.“ In der Tat fanden die Cavaliers um den enttäuschenden LeBron James nie ein Mittel gegen Parker, der seinem Ruf als einem der schnellsten Spieler der Liga alle Ehre machte. 24,5 Punkte im Schnitt erzielte er in der einseitigen Serie, 57 Prozent seiner Würfe fanden das Ziel. Selbst von jenseits der Drei-Punkte-Linie versenkte er die Bälle in spielentscheidenden Momenten – obwohl ihm Coach Popovich Weitwürfe strengstens verboten hatte. Aber im Traum klappen eben auch Dreier.

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