Baskets Bamberg : Durch das Loch im Zaun

Die Baskets Bamberg standen mehrmals kurz vor der Insolvenz, inzwischen haben sie Berlin als Hauptstadt des Basketballs abgelöst. Nicht nur Gegner Alba fragt sich: Wie konnte es dazu kommen?

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Weit weg von Alba. In der Finalserie der vergangenen Saison siegten Predrag Suput (mit Ball) und seine Kollegen nach fünf Spielen gegen die Berliner.
Weit weg von Alba. In der Finalserie der vergangenen Saison siegten Predrag Suput (mit Ball) und seine Kollegen nach fünf Spielen...Foto: dpa

Berlin - Alles begann mit einem Loch in einem Kasernenzaun. Der Zwölfjährige hatte sich aus dem Elternhaus gestohlen und war den Kilometer zum US-Militärstützpunkt Bamberg gelaufen. Durch das Schlupfloch in den geknüpften Drahtmaschen entging er der Ausweiskontrolle. Dann kletterte er durch ein Fenster in die Umkleidekabine und schlich sich ins Innere. 1500 Zuschauer passten offiziell in die John-F.-Kennedy-Halle. Doch hier standen, rauchten und brüllten 3000 den Basketball spielenden Soldaten zu.

„Die emotionale Stimmung hat mich infiziert“, schwärmt Wolfgang Heyder. Mehr als 40 Jahre nach der Infizierung ist der mittlerweile 55-Jährige Geschäftsführer der Baskets Bamberg. Wenn die heute um 17 Uhr (live auf Sport1) in der Arena am Ostbahnhof antreten, geht es um Prestige und Rivalität, aber nicht darum, wer die derzeit beste Basketballmannschaft in Deutschland ist. Das sind die Bamberger, egal wie es ausgeht. Vier Meistertitel holten sie in den vergangenen sieben Jahren, zuletzt zwei Double hintereinander. Vor einem Jahr brachten sie Alba die höchste Niederlage der Vereinsgeschichte (52:103) bei, und im Sommer schnappte man dem einstigen Serienmeister nach dem Finalsieg auch noch Publikumsliebling Julius Jenkins weg. In der Liga sind die Franken ungeschlagen und besiegten am Donnerstag den Europaliga-Champion Panathinaikos Athen.

Wie ist das möglich? Dass eine 70 000-Einwohner-Stadt die Millionenmetropole Berlin als Basketballhauptstadt abgelöst hat? Dass ein Klub, der immer wieder vor der Insolvenz stand, nun der reichste Klub der Liga sein soll?

Wer das verstehen will, muss Wolfgang Heyder verstehen. Bei dem wuseligen Franken mit dem weißen Haarkranz geht es viel um Emotionen und Begeisterung, aber auch um Maschen, Verknüpfungen und Schlupflöcher.

1999 war der Klub in Finanznot. Seit 1970 hatten die Bamberger mit Unterbrechungen in der Ersten Liga mitgespielt, außer einem Pokalsieg 1992 aber nie etwas gewonnen. Immer wieder standen sie vor der Pleite, doch diesmal war es ernst. Automobilzulieferer Günther Tröster, der Heyders Nachwuchsteam in Breitengüßbach sponserte, bat den Coach, zu der Krisensitzung zu kommen. Heyder war als 1,78 Meter großer Flügelspieler kein großer Basketballer gewesen, aber als Nachwuchs- und Zweitligatrainer erfolgreich. Als um Mitternacht noch keine Lösung gefunden war, ging Tröster mit Heyder vor die Tür und sagte: „Ich steige hier ein, wenn du Manager wirst.“

Der Etat in der ersten Saison betrug nicht wie heute offiziell 7,5 Millionen Euro (andere Quellen sprechen von zehn Millionen), sondern 800 000. In Bambergs Schulturnhalle verirrten sich kaum 1500 Zuschauer. Die Luftfeuchtigkeit war so hoch, dass die Spieler ausrutschten. Der Trainer klagte, die Zuschauer würden andauernd über ihn stolpern.

Doch der einzige Profisportklub der Stadt erhielt Unterstützung aus der Lokalpolitik. Der damalige Oberbürgermeister Herbert Lauer, heute Vorsitzender des Bamberger Fördervereines, setzte sich für eine neue Halle ein. Die Fans strömten nun, zelteten für Tickets, liefen nackt über den Marktplatz und spendeten später gar für neue Spieler. Als Tröster ausstieg, war wieder die Existenz in Gefahr. Aber Heyder hatte schon Ersatz bezirzt. Er hatte Sabine Günther eine Dauerkarte geschenkt. Euphorisiert überredete sie ihren Ehemann, einen Lotterieunternehmer, Bamberg zu sponsern. Als später ein Sponsor vor Gericht musste, übernahm ein Fahrzeugteilehersteller – Heyder hatte einen Werksleiter mal trainiert. So engagieren sich zahlreiche Unternehmen vor allem aus persönlichem Antrieb in Bamberg. „Ich kann Leute schon begeistern“, sagte Heyder, „es geht immer um Emotionen.“

Vor einem Jahr musste Eigentümerin Günther insolvenzgefährdet die Halle verkaufen. Heyder drohte mit seinem Abgang. Es zeigte Wirkung: Die Stadt sprang ein und kaufte die Halle. Der Bayerische Rundfunk berichtete jedoch, es seien jahrelang verdächtig geringe Mieten gezahlt worden. Heyder hat mit seiner Frau Gabriele eine Konzertagentur, die mehr als zehn Millionen Euro im Jahr umsetzt. Die Agentur nutzt die Halle ebenso für Events wie die Messegesellschaft, die Heyder führt. Lange war er auch Geschäftsführer der Halle, das Geflecht ist schwer zu durchschauen. „Das war Stimmungsmache des damaligen Betreibers und hat mich sehr getroffen“, sagt er.

Auch sportlich traf der Geschäftsführer die richtigen Entscheidungen für die Baskets. Als sich Trainer Zoran Slavnic im November 2001 sein gesamtes Jahresgehalt im Voraus auszahlen lassen wollte, angeblich aus steuerlichen Gründen, traf sich Heyder auf der Autobahnraststätte Bad Hersfeld mit Dirk Bauermann. Mit dem späteren National- und Bayern-Trainer gewann Bamberg seine ersten beiden Meisterschaften. Auch die Verpflichtung seines Nachfolgers Chris Fleming war ein Erfolg. Gemeinsam stellten sie einen hauptamtlichen Scout ein. Denn vor allem sind es anderorts übersehene oder verkannte Profis wie Predrag Suput, Casey Jacobsen oder Anton Gavel, die den sportlichen Erfolg begründen. Fragt sich, wie lange Bamberg sie halten und wie weit der Klub noch kommen kann.

„Vor ein paar Jahren habe ich schon gesagt: Unser Potenzial ist ausgeschöpft“, sagt Heyder, „und dann ging es immer noch ein Stückchen weiter.“ Wenn einer noch ein Schlupfloch findet, dann er.

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