Sport : Basti belasti

Sebastian Deisler hat erstmals drei Spiele durchgehalten und eindrucksvoll sein Können demonstriert

Daniel Pontzen

München. Thomas Linke ist nicht dem Kreise derer zuzurechnen, die ihre Sportart als Kunst verstehen, doch ein Gefühl für Ästhetik hat der eher rustikale Ballspieler des FC Bayern sehr wohl. In schwärmendem Tonfall sprach er vom zweiten Tor seines Mannschaftskameraden Sebastian Deisler beim 4:1 über Kaiserslautern. „Also, das war sensationell, einmalig. Wie er da mit Dynamik nach innen geht und dann mit links abzieht, das ist einmalig, das können nur ganz, ganz wenige.“ Für Deisler selbst stellte sich das Ganze weniger kompliziert dar: „Ich habe es einfach mal alleine versucht, sollte jeder mal machen.“ In seiner berechtigten Freude über seine brillante Leistung vergaß Deisler, dass es in Deutschland nur sehr wenige Spieler gibt, die solche Dinge mit dem Ball anfangen können. Das war lange Zeit eines seiner größten Probleme.

Seit rund drei Jahren ist für Deisler neben Michael Ballack die Rolle des Retters des deutschen Fußballs reserviert, doch weil der ehemalige Herthaner wegen einer nicht enden wollenden Reihe von Verletzungen diesen Erwartungen bislang nicht genügen konnte, keimte zuletzt auch im Verein der böse Verdacht, der 23-Jährige sei dafür nicht zu gebrauchen. Nach dieser Woche aber stellt sich die Situation anders dar: Deisler spielte erstmals seit seiner Verpflichtung dreimal in Folge 90 Minuten durch und lieferte dabei zwei Erkenntnisse, auf die sie in München sehnsüchtig gewartet haben. Erstens: Er kann der Belastung standhalten. Zweitens: Er hat den Leistungsstand erreicht, in dem er seine Fähigkeiten nicht nur gelegentlich andeutet, sondern dauerhaft abruft und damit Spiele entscheiden kann.

In Deislers große Freude, „dass ich der Mannschaft doch helfen kann“, mischte sich eher Erleichterung denn Genugtuung: „Ich müsste es eigentlich nicht allen beweisen.“ Aber natürlich habe auch er registriert, „dass mich viele abgeschrieben haben. Umso schöner ist es, dass ich jetzt wieder voll dabei bin“. Es waren keineswegs bloß seine beiden Tore, die ihn gegen Lautern zum wertvollsten Spieler machten. Beinahe jede gefährliche Aktion des Meisters hatte ihren Initiator in Deisler, der von seiner Stammposition auf der rechten Seite sämtliche Stellen des Platzes ansteuerte. In kaum einem Moment fiel auf, dass mit Ballack der etatmäßige Drehpunkt des Münchner Spiels ebenfalls auf dem Rasen stand. Zudem beeindruckte Deisler mit seiner Robustheit im Zweikampf, als wolle er schon auf dem Feld das sagen, was er nach dem Spiel feststellte. „Mit dem Knie gibt’s überhaupt keine Probleme mehr.“ Mit einiger Erleichterung nahm sein Umfeld die jüngste Entwicklung Deislers zur Kenntnis. „Er ist wie Phönix aus der Asche aufgestiegen“, sagte Trainer Ottmar Hitzfeld, „er hat schon wieder viele Einzelaktionen, setzt Glanzpunkte. Ich bin sehr glücklich, dass er zurückgekehrt ist.“ Kapitän Oliver Kahn kündigte an: „Es wird nicht mehr lange dauern, dann ist er wieder auf seinem absoluten Top-Niveau.“

Zwangsläufig stellt sich die Frage, ob Deisler in drei Wochen zum Test gegen Frankreich in die Nationalmannschaft zurückkehren wird. „Keine Ahnung“, sagt er selbst, mit Rudi Völler habe er noch nicht gesprochen. „Ich freue mich erst mal auf die nächsten Aufgaben. So kann es weitergehen.“ Thomas Linke wird keinen Einspruch erheben.

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