Sport : Baumann-Urteil: Alte Gräben brechen wieder auf (Kommentar)

Johannes Taubert

Nun Läuft Er Wieder. Morgen in Nürnberg, um die Olympianorm zu schaffen, obwohl er dort 35-jährig kaum eine Endlaufchance hat. Doch bevor es in Nürnberg losgeht, ist Dieter Baumann schon am Ziel. Seine Dopingsperre ist aufgehoben worden. Dafür hat er in den letzten Monaten gekämpft, mit viel Eifer, mit viel Pathos, mit wenig Beweisen.

Wenn man den Fall Baumann nüchtern betrachtet und nicht Glaubenskriege führt, bleibt als Fazit: zwei positive Proben im Urin, eine im Blut des Athleten im Herbst 1999. Dazu zwei Zahnpastatuben aufs geschickteste mit Nandrolon versetzt aus dem Baumannschen Haushalt. Dass das Nandrolon im Urin von Dieter Baumann aus diesen Zahnpastatuben aufgenommen wurde, ist möglich, bleibt aber ungeklärt.

So weit die Fakten. Und eigentlich sind alle Fragen weiter offen. Die Anschlagstheorie ist denkbar, genauso wie einige andere Varianten. Im Grunde ist (bis auf Baumann) niemand ein Stück weiter. Das ohnehin bruchstückhafte Puzzle passt an keiner Stelle zusammen. Im Gegenteil. Gleichwohl wurde die Sperre aufgehoben. Damit hat die Leichtathletik, insbesondere die Abteilung Dopingbekämpfung, auf breiter Front verloren. Was soll zum Beispiel Uta Pippig zu diesem Vorgang sagen? Hatte sie nicht auch stets ihre Unschuld beteuert, und galt sie nicht auch immer als sauber?

Alte Gräben, ohnehin nur mühsam zugeschüttet, brechen nun wieder auf. Die aus dem Osten kriegt man dran, aber den Schutzpatron des naturbelassenen Urins aus dem Westen lässt man wieder laufen. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hat einstweilen das Problem Baumann gelöst und sich damit ungleich größere Probleme eingehandelt. Übrigens ohne wirkliche Not. Seine Sanktionen und deren Glaubwürdigkeit sind zweifelhaft geworden. Jeder Athlet hat von jetzt an die Möglichkeit, mit Baumannscher Strategie positive Befunde zu unterlaufen.

Der DLV war einmal führend in der Welt, was die Dopingbekämpfung betrifft. Das ist mit einem Schlag vorbei. Von Linford Christie bis Katrin Krabbe können alle mit Häme über den Verband herziehen, zweierlei Maß hat sich noch nie ausgezahlt.

Wenn Dieter Baumann seinen langen Kampf für sauberen Sport ernst gemeint hat, wovon man ausgehen darf, so hat er jetzt als Privatperson zwar gewonnen. Sein Sport jedoch hat verloren, auch Dieter Baumann. Und das ist die Güterabwägung, um die es letzlich ging. Ein Pyrrhussieg. Und was für einer.

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