Sport : Baumann-Urteil: Starterlaubnis treibt Doping-Experten zu einem heftigen Streit

Dieter Baumann erhielt die Lizenz zum Laufen zurück und jagt am Sonntag in Nürnberg die 5000-m-Olympia-Norm von 13:25 Minuten. Wenige Stunden nachdem der Rechtsausschuss des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) am Freitag die Aufhebung der Suspendierung des Olympiasiegers von 1992 offiziell bekannt gegeben hatte, bestätigte Generalsekretär Istvan Gyulai vom Weltverband IAAF: "Dieter Baumann darf starten, wenn der Veranstalter ihn akzeptiert." Dies stellte Meeting-Chef Ludwig Franz mit den Worten außer Frage: "Wir haben ihm die Startnummer 131 fest reserviert."

"Es besteht kein dringender Tatverdacht mehr", erklärte der Unabhängige Rechtsausschuss des Deutschen Leichtathletik-Verbandes zur Aufhebung der Suspendierung und signalisierte zugleich, wie das nunmehr "frühestens in einer Woche" zu erwartende Urteil ausfällt. Für Gyulai ist Baumanns Startberechtigung selbst bei einem Freispruch nur von vorübergehender Natur: "Die IAAF wartet erst einmal das Urteil durch den DLV-Rechtsausschuss ab. Wenn sie dieses nicht akzeptabel findet, kann das IAAF-Council das Arbitration Panel einschalten. Ab diesem Zeitpunkt wäre Dieter Baumann bis zur Entscheidung des Schiedsgerichtes erneut suspendiert."

"Wir werden Dieter Baumann abschirmen müssen angesichts des zu erwartenden Trubels", meinte der Nürnberger Meeting-Direktor Ludwig Franz, der die Startzusage von der Haltung der IAAF abhängig gemacht hatte. Diese kann laut Gyulai derzeit nicht handeln, doch auch der IAAF-Generalsekretär wartet mit Spannung darauf, wie nach den zwei positiven Dopingproben vom 19. 0ktober und 12. November nun der zu erwartende Freispruch begründet wird.

Die Rechtsausschuss-Entscheidung wurde von Sportfunktionären kritisch kommentiert und verschärft offenbar den Streit unter den Wissenschaftlern erneut. "Die Aufhebung der Suspendierung ist an den Schamhaaren herbei gezogen", ereiferte sich der Nürnberger Pharmakologe Fritz Sörgel, einer der zentralen Gutachter der Staatsanwaltschaft Tübingen in der Affäre Baumann. "Was ist das für eine Untersuchung? Bei einem ernsthaften Test hätte man die Norandrostendion-Einnahme, die im November über eine Woche erfolgte, feststellen müssen." Zuvor hatte schon Klaus Müller, Bundesbeauftragter für Dopinganalytik, erklärt: "Die Haaranalyse liefert keine ausreichenden Beweise für oder gegen einen Dopingverdächtigen."

Laut Baumann-Anwalt Michael Lehner hätte es allerdings der Haaranalyse nicht mehr bedurft, sie hätte nur bei einem gegenteiligen Ergebnis Einfluss auf die Entscheidung des Rechtsausschusses haben können. Dessen Vorsitzender Wolfgang Schoeppe (Ansbach), der die Suspendierung ohne seine Beisitzer Ferdinand Sahner (Gaggenau) und Hans-Peter Breit (Homburg/Saar) aufhob, sei ohnehin von "erwiesener Unschuld" Baumanns ausgegangen. Doch Schoeppe selbst lehnt "zum gegenwärtigen Zeitpunkt" Begründungen ab.

DLV-Präsident Helmut Digel hatte zuvor schon erklärt: "Wenn der Rechtsausschuss im Sinne Baumanns entscheidet, haben wir diese Entscheidung zu respektieren. Das Kontrollsystem des DLV wird jetzt nicht zusammenbrechen. Aber der Verband ist mit einem solchen Verfahren völlig überfordert. Wenn es nicht gelingt, beim Verbandstag im März 2001 darauf schlüssige Antworten zu geben, sind personelle Konsequenzen nicht auszuschließen. Das gilt selbstverständlich auch für mich." Tritt das Schiedsgericht des Weltverbands in Aktion, kann die zeitraubende Studie des facettenreichen Falles zu einer Verzögerung der Entscheidung führen, die Baumanns Start in Sydney (15. Oktober bis 1. November) unmöglich macht.

Mehr zum Thema im Internet unter: www.dlv-sport.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben