Sport : Bayer Leverkusen: Ratlos

Arnulf Beckmann

Der Mann versteht sich auf Etikettierungen. Von der Woche der Wahrheit hatte Berti Vogts gesprochen und damit die beiden Heimspiele Bayer Leverkusens gegen Freiburg und Hamburg gemeint. Doch die vergangene Woche förderte bittere Wahrheiten zutage. Statt mit sechs Punkten aus den beiden Begegnungen den Kampf um die Meisterschaft wieder aufzunehmen, blieb Reiner Calmund nach dem 1:3 gegen Freiburg und dem 1:1 gegen den abstiegsbedrohten HSV lediglich die Einsicht, dass "der Meisterschaftszug für uns abgefahren ist".

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Tipp-Spiel: Wer wird Deutscher Meister? Nach nur fünf Monaten scheinen die Tage von Berti Vogts beim Vizemeister gezählt. "Der Druck von außen ist sehr groß. Da muss man bedenken, ob der Druck die Mannschaft nicht negativ beeinflusst", sagte Bayers Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser. Selbst Calmund kam gestern ins Grübeln: Voraussichtlich wird Berti Vogts auch am Dienstag das Training beim deutschen Vizemeister leiten, verkündete Calmund. Heute ist ein wegweisendes Gespräch mit Vogts geplant. Leverkusens Manager dürfte heilfroh sein, wenn diese Saison vorüber ist und sein Team einen der begehrten Plätze mit Qualifikation für die Champions League erreicht haben wird. Alles andere wäre eine Katastrophe für den Verein. Die Fußball-Abteilung des Chemie-Konzerns steckt in einer noch größeren Krise, als es die Kokain-Affäre von Christoph Daum auslösen konnte. Und Schuld daran soll allein der Trainer tragen.

Der hatte schon in der nachösterlichen Woche zum großen Krisengipfel ins Bergische Land gebeten. Der Gipfel mit einer Aussprache unter Männern sollte die fußlahme Belegschaft wieder flott machen. Vogts, der schon nach dem Freiburg-Spiel dünnhäutig wirkte und in seiner Hilflosigkeit die Mannschaft attackierte, hatte die Vertrauensfrage gestellt, um verlorene Autorität wiederherzustellen. Stattdessen verfiel selbst der traurige Rest deshalb zusehends, weil sich in der Profi-Abteilung niemand fand, der dem Trainer die trügerische Sicherheit nahm. Keiner wollte zum Königsmörder werden, in einer Abstimmung sprachen sich sämtliche Spieler für eine weitere Zusammenarbeit mit dem Coach aus.

Auf der Pressekonferenz nach dem Hamburg-Spiel bemühte sich Vogts, den Ausspruch von Robert Kovac, der sich zu der Äußerung hinreißen ließ, Vogts sei "unser Trainer bis zum Saisonende", zu korrigieren. Doch mit brüchiger Stimme, so, als werde ein kleiner Junge beim vorsätzlichen Lügen ertappt, verwies der Trainer auf seinen noch bis zum Jahr 2003 gültigen Vertrag. Er, so Vogts, bleibe demnach "noch zwei Jahre länger." Nach mehr Niederlagen als Siege aus 21 Spielen eine optimistische Einschätzung.

Im Ergehen von Plattitüden ("Wir werden konzentriert weiterarbeiten") und kraftmeierschen Parolen ("Wer dem Druck hier nicht gewachsen ist, von dem werden wir uns trennen") offenbart sich das ganze Schicksal des kleinen Mannes aus Korschenbroich: die Ratlosigkeit.

Vogts kann nicht verstehen, warum sich die Medienschelte wieder einmal nur auf ihn konzentriert. Ein wenig mag man sogar mitfühlen. Schließlich ist es die Mannschaft, die auf dem Platz steht. Doch erstens ist Mitleid mit einem hoch bezahlten Bundesliga-Trainer das sicherste Indiz, dass der Mann ein Imageproblem hat, und zweitens hat er gravierende Entscheidungen schon zum Amtsantritt gefällt. Zunächst versammelte er "einen Konvent gestikulierender Clowns an der Seitenlinie" ("Süddeutsche Zeitung"), änderte in der Folge Spielsystem und Torwart und beging zu schlechter Letzt den Kardinalfehler, Spieler wie Michael Ballack öffentlich zu kritisieren. Doch die Branche vergisst nicht und zahlt jetzt zurück. Calmund, von Vogts oft "mein dicker Freund" genannt, hat Recht, wenn er sagt, der Trainer sei jetzt "die dumme Sau, die einmal links, einmal rechts durchs Dorf gejagt" werde. Es war die Woche der Wahrheit.

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