Sport : Bayer Leverkusen: Rückkehrer, Sieger, Tabellenführer

Claus Günter

Am Anfang der Rückkehr stand ein Rückzieher. Die Tribüne im Hamburger Volksparkstadion war gut gefüllt, aber der entscheidende Mann fehlte. Mit großem Trara hatte Berti Vogts angekündigt, dass er sich die erste halbe Stunde seines Bundesliga-Debüts aus luftiger Höhe anschauen wolle. Als das Spiel dann losging, saß der neue Cheftrainer von Bayer Leverkusen dort, wo auch seine Kollegen zu sitzen pflegen, nämlich auf der Mannschaftsbank. Den PR-trächtigen Platz auf der Tribüne hatte er dann doch seinem Assistenten Wolfgang Rolff überlassen.

Es waren in der Tat auch nur Nebensächlichkeiten, die beim Einstand des früheren Bundestrainers nicht passten. Etwa die, dass er um ein Haar die obligatorische Pressekonferenz geschwänzt hätte. Frank Pagelsdorf hatte bereits allein auf dem Podium mit seinem Kurzreferat über die Gründe für die 1:3-Niederlage seines Hamburger SV gegen Bayer Leverkusen begonnen, als Vogts dann doch noch eintrat. Als Rückkehrer, Sieger, Triumphator des Spieltages, als neuer Tabellenführer.

Berti Vogts genoss die Rückkehr ins Berufsleben. Zwei Jahre als Elder Statesman ohne Verantwortung waren wohl doch recht lang. "Ich empfand eine große Vorfreude darauf, in diesem tollen Stadion und dieser Stadt, die ich auch privat gerne besuche, meinen Einstand zu geben", sagte Vogts. Nervös sei er nicht gewesen, "warum sollte ich, schließlich habe ich acht Jahre lang als Bundestrainer gearbeitet". Die berufliche Vergangenheit wollte er doch nicht vergessen. "Ich habe mit Frank Pagelsdorf immer gut zusammengearbeitet, als ich noch Bundestrainer war. Ich wünsche ihm für die Zukunft sehr viel Glück."

Dieses Glück, das hatte Vogts am Sonnabend fast vollständig für sich in Anspruch genommen. Das ging schon bei den Spielen der Konkurrenz los. Erst die Heimniederlagen von Hertha BSC und Bayern München ebneten auch theoretisch den Weg an die Bundesligaspitze. Und dann unterlief dem noch für den HSV und bald für Leverkusen spielenden Torhüter Jörg Butt ein folgenschwerer Fehler, der die Partie im Grunde entschied. Butt wagte gegen Paulo Rink ein Dribbling im eigenen Strafraum, ganz so, wie er es seit dreieinhalb Jahren erfolgreich in der Bundesliga zeigt. Aber diesmal misslang es. Rink schob zum 2:1 ein. Das war die Vorentscheidung, Oliver Neuvilles Tor zum 3:1 taugte nur noch für die Statistik.

Butt wurde anschließend von den eigenen Fans ausgepfiffen, erst um 23:12 stürmte er wortlos aus dem Stadion. Der Torhüter war mit seinen Nerven am Ende. Offene Vorwürfe von den Mannschaftkameraden gab es nicht, auch wenn der verletzt zuschauende Niko Kovac urteilte, dass "dieser Treffer uns das Genick gebrochen hat". Leverkusens Torhüter Adam Matysek nutzte schon mal die Gelegenheit zu einer Diskussion über seinen avisierten Nachfolger: "Da sieht man, wie gefährlich es ist, wenn man sich hinten überschätzt." Schon Leverkusens Torwarttrainer Toni Schumacher hatte Butt in der letzten Woche kritisiert und damit - bewusst oder unbewusst ? - Druck aufgebaut.

Berti Vogts hielt sich mit Kritik zurück und gab sich verständnisvoll: "Jeder Spieler hat das Recht, Fehler zu machen. Ich habe von Butt hier schon ganz andere Spiele gesehen." Überhaupt war Vogts der vollendete, zurückhaltende Diplomat, "nach gerade fünf Tagen im Amt wäre auch alles andere vermessen gewesen". Also dankte er seinen Vorgängern und der Mannschaft: "Mein Dank gilt Christoph Daum, der diese Mannschaft aufgebaut hat, und Rudi Völler, der die Arbeit fortgesetzt hat. Ich bin froh, dass ich solch eine intakte und charakterstarke Mannschaft habe."

Die Nationalspieler des neuen Tabellenführers hatten Vogts ja ohnehin nur beim Abschlusstraining erlebt. Dennoch zeigten sie natürlich die angemessene Begeisterung: "Wir sind in der Mannschaftsbesprechung sehr gut auf den HSV eingestellt worden. Alles war sehr locker und trotzdem diszipliniert", sagte Carsten Ramelow. "Er hat die Mannschaft nicht groß verändert", erzählte Kapitän Jens Nowotny, "das war auch ein Erfolgsgeheimnis." Dass die Leverkusener nun "trotz des ganzen Theaters der letzten Wochen" (Ramelow) oben stehen, erfüllte sie schon mit Genugtuung. Dabei vergaßen sie auch ihren früheren Vorgesetzten nicht. "Christoph Daum hat uns eingebläut, dass wir immer siegen müssen", sagte Nowotny. "Man hat aber auch gesehen, dass noch eine Menge Arbeit vor uns liegt."

Genau das hat auch Wolfgang Rolff dem Chef erzählt - gestützt auf Beobachtungen von der Tribüne, die Berti Vogts bei seinem Debüt einfach zu weit weg vom Schuss war.

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