Bayer Leverkusen : Tabellenführer von Bayerns Gnaden

Die Leverkusener trotzen jede Woche dem Angriff der Münchner auf die Tabellenspitze – dass sie Meister werden, ist trotzdem unwahrscheinlich.

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Die erfolgreiche Arbeit bei Bayer Leverkusen bringt es mit sich, dass Jupp Heynckes auf seine alten Tag noch interessante Details aus seiner Karriere erfährt. Details, die er entweder nie gewusst oder längst wieder vergessen hat. In den Jahren 1988 und 1989 war es, dass Heynckes, damals als Trainer von Bayern München, 27 Spiele hintereinander ungeschlagen blieb. Diese Serie hat er am Samstag, mit Leverkusens 2:1-Sieg gegen den VfL Wolfsburg noch übertroffen. Aber für Heynckes besitzen solche privaten Statistiken keinen besonderen Wert. „Ich schaue da nicht drauf“, sagte Heynckes. „Wirklich nicht.“ Er habe nicht einmal von der Serie gewusst. „Ich weiß nur, dass wir damals Deutscher Meister geworden sind.“

Statistisch gesehen wird Heynckes das in dieser Saison auch mit Bayer Leverkusen gelingen. Nach dem 22. Spieltag ist seine Mannschaft immer noch ohne Niederlage, und alle Klubs, die im Laufe einer Spielzeit eine solche Serie hingelegt haben, sind an ihrem Ende auch Meister geworden. Solche statistischen Spielereien kann man jetzt im Stadionheft der Leverkusener nachlesen, was einiges über die versteckten Ambitionen des Klubs verrät.

Die Realität hingegen spricht immer weniger für Bayer. Das liegt nicht an den Leverkusenern, die wegen ihres Hangs zu zweiten Plätzen gerne als geborene Verlierer verspottet werden; es liegt vor allem an ihrem Gegner. Die Geschichte lehrt, dass man in Deutschland Meister nur von Bayerns Gnaden werden kann – dann nämlich wenn die Münchner aus welchen Gründen auch immer nicht wollen oder nicht können. Im Moment aber zeigen sie sich alles andere als gnädig. Ein zweites Wolfsburg scheinen die Bayern mit aller Macht verhindern zu wollen.

„Wir sind immer noch oben“, sagt Bayers Verteidiger Samy Hyypiä. Das stimmt, und diese Leistung ist nicht hoch genug einzuschätzen. Woche für Woche trotzt Bayers junge Mannschaft dem Angriff der Bayern. Von den fünf Spielen der Rückrunde haben die Leverkusener vier gewonnen, von 15 möglichen Punkten holten sie 13, das ist eine überragende Bilanz. Aber die Bayern haben eben 15 von 15 Punkten geholt. Die Leverkusener müssen sich gerade vorkommen wie eine Vier-mal-vierhundert-Meter-Staffel, die ihre drei schnellsten Läufer zuerst auf die Bahn geschickt hat – in der Hoffnung, einen Vorsprung herauszulaufen, der vom überragenden Schlussläufer des Gegners nicht mehr einzuholen ist. Derzeit sieht es so aus, als sollte dieseTaktik trotz größter Bemühungen nicht aufgehen.

Im November lagen die Bayern noch sechs Punkte hinter Bayer, vor einer Woche waren von diesem schönen Vorsprung gerade zwei Tore geblieben, jetzt ist es noch eins. Schon in einer Woche droht die Wiederherstellung des Normalzustands. Während die Bayern beim Tabellenvorletzten Nürnberg antreten, muss Bayer zu den Bremern, die mit drei Siegen in neun Tagen gerade erfolgreich gegen ihre Winterdepression angespielt haben.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Leverkusener im Weserstadion auf ihren überragenden Abwehrchef Samy Hyypiä verzichten müssen. Der Finne sah gegen Wolfsburg seine fünfte Gelbe Karte. „Wir dürfen nicht denken, dass wir keine Chance haben, nur weil ich nicht dabei bin“, sagte Hyypiä. Genau das aber lehrt die Erfahrung. Im Pokal gegen Kaiserslautern kassierten die Leverkusener ohne ihn ihre einzige Niederlage in dieser Saison; und nachdem der Finne in Schalke zum einzigen Mal überhaupt ausgewechselt werden musste, verspielte Bayer in der Schlussviertelstunde einen Zwei-Tore-Vorsprung. „Wir denken da positiv“, sagt Trainer Heynckes. Ganz verzichten will er auf seinen Führungsspieler ohnehin nicht. Wenn Hyypiä wolle, dürfe er mit der Mannschaft nach Bremen reisen: als Talisman. Gegen die Bayern in ihrer aktuellen Form muss man eben auch übersinnliche Kräfte mobilisieren.

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