Bayer Leverkusen : Wenn Ernst Spaß macht

Jupp Heynckes hat Bayer Leverkusens Stil verändert – am Samstag muss er zum Spitzenspiel bei Schalke 04.

Jörg Strohschein[Leverkusen]

Sie hatten lange gezittert bei Bayer 04 Leverkusen. Erst im Laufe des Freitagnachmittags hatte sich herausgestellt, dass die wichtigste Stammkraft der Rheinländer am Samstagabend im Spitzenspiel der Fußball-Bundesliga gegen den FC Schalke 04 mit dabei sein kann. Die Leverkusener bangten allerdings nicht um einen Spieler, sondern um ihren Trainer. Eine handfeste Grippe hatte Jupp Heynckes in den vergangenen Tagen erwischt und ihn außer Gefecht gesetzt. Assistent Peter Hermann hatte die Arbeit unterdessen übernommen, er sollte auch die Mannschaft auf das Spiel vorbereiten. „Ich stehe ja immer mit dem Jupp in Verbindung, ich würde hier doch keine Alleingänge machen“, sagt Hermann noch angesichts der ungeklärten Gesundheit seines Chefs. Der erfahrene 57-Jährige hätte die Aufgabe sicher ohne Probleme lösen können. Doch Hermann, der mit einer kurzen Unterbrechung seit drei Jahrzehnten in Leverkusen tätig ist, steht zum einen nicht gern selbst im Rampenlicht. Zum anderen hat sich Jupp Heynckes seit Beginn seiner Tätigkeit im vergangenen Sommer zu einer unverzichtbaren Person bei den Rheinländern entwickelt.

Heynckes ist es gelungen, die Mentalität seiner Mannschaft zu verändern. Von stürmisch unbekümmert hin zu mehr Ernsthaftigkeit und Kontrolle über das eigene Handeln. Es läuft nichts mehr aus dem Ruder bei Bayer 04. Überschwängliche Siege sind genau so selten geworden wie hohe Niederlagen nach zwischenzeitlicher Selbstaufgabe. „Was ich jetzt das erste Mal habe, ist ein Trainer, der wahnsinnig viel erlebt hat, der schon ein bisschen älter ist und auf eine wahnsinnige Karriere zurückblickt. Das ist eine andere Kategorie“, sagt Simon Rolfes, der neben Renato Augusto und Michal Kadlec ebenfalls verletzt ausfällt. Bis hinauf zu Tabellenplatz eins sind die Leverkusener geklettert. Und dieser Aufschwung scheint nicht nur, wie in den vergangenen Jahren häufiger geschehen, einer vorübergehenden Laune der Spieler geschuldet zu sein.

Rolfes sieht den Grund vor allem in der Person Heynckes. „Er ist jetzt in einem Alter, wo er diese ganze geballte Erfahrung mit viel Freude an uns weitergeben kann. Er hat seinen Stil. Vorher hatte ich auch viele junge Trainer, die an sich gefeilt haben.“ Rolfes spielt seit der Saison 2005/2006 für Leverkusen, er hat vor Heynckes vier Trainer bei Bayer erlebt (Klaus Augenthaler, Rudi Völler, Michael Skibbe und Bruno Labbadia). Vor allem unter Heynckes’ Vorgänger Labbadia schwankte das Team manchmal unerklärlich in der Form.

Unter Heynckes ist das anders. Die Auswirkungen des Stilwechsels unter Heynckes, der eher als Pragmatiker, denn als Künstler gilt, sind nicht immer schön anzusehen. Nicht zuletzt im Heimspiel gegen Borussia Dortmund, als die Leverkusener nicht ihren besten Tag hatten, war zu erkennen, was sie auszeichnet. Die Mannschaft ließ nach dem frühen Rückstand einfach keine Torchance mehr zu. Dieser Stil geht zwar auf Kosten der Attraktivität. Und dem bisweilen ungeduldigen Publikum in Leverkusen ist anzumerken, dass es sich daran erst gewöhnen muss. Schließlich ist es aus der Vergangenheit waghalsige Sturmläufe der eigenen Mannschaft gewohnt. Das ein oder andere Murren über zu wenig spielerischen Angriffseifer ist deshalb nicht zu überhören.

Doch letztlich spricht die Bilanz für Bayer 04. In Schalke, gegen die wiedererstarkte Mannschaft von Felix Magath, können die Leverkusener zeigen, dass sie an Stabilität und Ausdauer gewonnen haben – auch auf hohem Niveau. „Mit einer Leistung wie gegen Dortmund werden wir da nicht bestehen können. Wir müssen uns steigern“, sagt Assistent Peter Hermann. Selbst dieses Zitat war mit Cheftrainer Jupp Heynckes abgesprochen.

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