Sport : Bayer steht nach dem 2:0 in Hamburg dicht vor dem Ziel

Claus Günter

Immer wieder blickte Reiner Calmund auf die Leverkusener Fankurve gegenüber der Haupttribüne. Auch 30 Minuten nach Spielende standen dort noch die Bayer-Anhänger und feierten ihr Team. Etwa 2500 waren mitgereist nach Hamburg, präsentierten Meisterschalen aus Pappe und Plakate. "Zieht den Bayern die Lederhosen aus - Tour 2000" war dort zu lesen. "Rudi, schick die Mannschaft mal raus zu den Fans", bat der Manager seinen Sportchef Rudi Völler. Aber nur Michael Ballack, schon im feinen Ausgehanzug, warf ungläubig einen Blick auf die Schlachtenbummler in der Kurve.

Das war die schwächste Leistung von Bayer Leverkusens Fußballern an diesem Abend im Volksparkstadion. Aber wahrscheinlich sind sie solche Huldigungen einfach noch nicht gewohnt, nach Jahren der weitgehenden Ignoranz. Aber in diesem Jahr scheint sich alles zu wenden beim einst seelenlosen Werksklub ohne Fußballtradition. Nach dem 2:0 beim Tabellendritten Hamburger SV ist der Elf von Trainer Christoph Daum jedenfalls die erste Deutsche Meisterschaft kaum noch zu nehmen. "Wir können nur noch an uns selbst scheitern", sagte Ballack, "wir haben unsere Stärke mit den Siegen in Bremen und Hamburg gezeigt."

Calmund wurde nach dem Schlusspfiff gefragt, ob denn dies der schönste Moment sei. Und da zeigte sich, dass den Triumph nur genießen kann, wer auch schon ganz unten war - oder fast: "Der schönste Moment war bisher das Tor von Markus Münch gegen Kaiserslautern dreizehn Minuten vor dem Ende am letzten Spieltag 1996." Dieser Treffer hatte Bayer den Klassenerhalt beschert, letztlich die Basis für die dann folgenden Erfolge unter Christoph Daum, der anschließend als Trainer verpflichtet wurde und mit dem Team in vier Jahren drei Mal die Champions League erreichte.

Und nun steht die absolute Krönung eines langsamen Aufbaus bevor. "Wir haben heute ein Signal gesetzt", sagte Daum. Wie ein absolutes Spitzenteam hatte seine Mannschaft den Tabellendritten aus der Hansestadt kontrolliert: hinten dicht und vorn stets gefährlich. Mit dem alles überragenden Jens Nowotny als Leitfigur. "Er hat heute eine absolute Weltklasseleistung geboten", bescheinigte der Trainer seinem Abwehrchef. Nach dem 1:0 durch Ze Roberto klärte der 26-Jährige mit seinem Treffer alles. Die Art, wie er seine Abwehr organisierte, Zweikämpfe gewann, Löcher stopfte und schließlich sein Tor erzielte, sollte auch Teamchef Erich Ribbeck auf der Tribüne nicht entgangen sein. "So wie sich Nowotny nach vorn einschaltet, das kann kaum einer", sagte Rudi Völler, "Lothar Matthäus vielleicht - früher."

Der so Gelobte nörgelte noch an seinen vier verlorenen Zweikämpfen rum - "Fehler, die ich noch abstellen muss" -, war aber insgesamt schon in meisterlicher Stimmung: "Wenn wir im nächsten Heimspiel gegen Frankfurt auch hundertprozentige Leistung bringen, dann packen wir es in diesem Jahr. Es läuft in der ganzen Mannschaft sehr gut. Wir haben Selbstbewußtsein, weil wir wissen, was wir können und was wir schon geleistet haben."

Von Anspannung und Nervosität auf der Zielgeraden war nichts zu spüren. Dieses Team konnte auch den Ausfall von Emerson und Stefan Beinlich kompensieren und widerstand dem Druck von Verfolger Bayern München. "Die Mannschaft kann äußere Einflüsse von sich abwehren und sich ganz auf ihre eigentliche Aufgabe, Fußball zu spielen, konzentrieren", stellte Christoph Daum fest. Wohl der entscheidende Unterschied zu den letzten Jahren.

"Vizemeister Franz!", sangen die Leverkusener Fans, und viele der Hamburger stimmten am Ende ein. Und vielleicht feiern die Spieler beim nächsten Mal ja mit, wenn alles sicher ist - auch ohne Aufforderung durch Reiner Calmund. Wie wahre Meister eben.

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