Bayern-Boss Rummenigge : "Interne Gespräche bringen nichts"

Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge spricht mit dem Tagesspiegel über die Suspendierung Oliver Kahns, seine Kritik an Trainer Ottmar Hitzfeld und die Zukunft der Bundesliga.

Rummenigge
Karl-Heinz Rummenigge ist seit 1991 im Präsidium des FC Bayern München. -Foto: ddp

Herr Rummenigge, Oliver Kahn ist für das heutige Spiel gegen Hertha BSC suspendiert worden. Zuvor hatte er gesagt, dass der FC Bayern vor lauter Erfolgsdruck zu platzen drohe. Hat er nicht Recht?

Oliver Kahn ist jetzt 14 Jahre beim FC Bayern und weiß, unter welchem Erfolgsdruck wir hier immer stehen. Aber wir alle müssen ihm standhalten.

Was ist der FC Bayern im Winter 2007?

Wir sind Tabellenführer und können im Uefa-Cup weiterkommen. Statistisch gesehen ist die Welt in Ordnung. Wir hatten einen fantastischen Start, an dem wir das Bayern-Image vom Ergebnisfußball widerlegt haben. In den letzten Wochen aber war dieser Stil nicht mehr erkennbar.

Wieso nicht?

Es ist gefährlich, wenn die Mannschaft fast jeden Tag in der Zeitung liest, was für tolle Leistungen sie bringt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es dann schwierig ist, die Konzentration und das Engagement bei 100 Prozent zu halten. Das muss man sich auch als Klassemannschaft immer wieder hart erarbeiten.

Sie haben im September gesagt, Ottmar Hitzfeld sei der perfekte Trainer für dieses Team. Inzwischen hört sich das anders an.

Ich bin nach wie vor der Meinung, dass Ottmar Hitzfeld ein erstklassiger Trainer für den FC Bayern ist. Nur: Ich bin auch ein sehr guter Freund. Und gewisse Dinge, wie die Kritik nach dem Spiel gegen Bolton Wanderers, gehören für mich als Freund von Ottmar Hitzfeld dazu. Das Einzige, was ich heute anders machen würde: Ich würde es nicht mehr öffentlich sagen, weil die Öffentlichkeit daraus ein falsches Bild gemacht hat.

Ist er jetzt immer noch Ihr Freund?

Wir haben nach wie vor ein sehr gutes Verhältnis und sprechen täglich miteinander. Es hat ihm nicht gefallen, aber er ist auch selbstkritisch genug, die Dinge nicht dramatisch anders zu sehen als ich.

Werden Sie also im Winter versuchen, ihn vom Weitermachen zu überzeugen?

Wir haben verabredet, im Januar darüber zu reden. Dann werden wir zusammen eine gemeinsame Entscheidung fällen.

Womöglich leidet der FC Bayern ja auch nur unter den Anstrengungen des Uefa- Cups, über die immer lauter geklagt wird. Ein möglicher Ausweg wären drei Sonntagspiele, um die Regenerationsphase zu verlängern. Ein sinnvoller Weg?

Total. Mein Wunsch wäre, das schon zur Rückrunde zu realisieren. Möglicherweise kommen alle vier deutsche Mannschaften im Uefa-Cup weiter, Bremen kommt noch dazu. Wir müssen daher mit den Rechteinhabern vom Fernsehen sprechen. Kurioserweise sträuben sich ausgerechnet die beiden Staatsfernsehsender dagegen. Gerade die, die den geringsten Beitrag leisten, machen gleich die Tür zu.

In der Champions League gilt es dagegen inzwischen fast schon als Sensation, wenn eine deutsche Mannschaft das Achtelfinale erreicht. Sie bemängeln schon lange fehlende internationale Wettbewerbsfähigkeit. Sehen Sie sich bestätigt?

Als ich noch Fußball gespielt habe in den Achtzigerjahren, galt die Bundesliga als beste Liga der Welt. Inzwischen müssen wir uns gegen Rumänien und Portugal behaupten. Wir müssen uns die Frage stellen: Quo vadis, Bundesliga?

Und welche Wege gibt es Ihrer Meinung nach?

Nur zwei. Entweder wir halten die Bundesliga so. Es läuft ja. Der Wettbewerb ist spannend, die Stadien sind ausverkauft, alle sind zufrieden. Oder wir wollen auch in Europa eine gewisse Rolle spielen. Nüchtern betrachtet spielen wir keine Rolle mehr. Man kann es sich einfach machen und das auf irgendwelche Gründe schieben. Aber fragen Sie doch mal meine Kollegen von Schalke, aus Bremen, aus Berlin: Wenn Sie auf den Transfermarkt gehen und da ist noch ein Italiener, ein Spanier oder ein Engländer gegen Sie tätig, können Sie gleich das Rückzugsgefecht einläuten. Ich habe deshalb Herrn Rauball …

… dem Präsidenten der DFL …

... gesagt, dass wir eine Sitzung machen müssen zur Zukunft des deutschen Klubfußballs. Die DFL wäre dazu auch bereit.

Wenn man die öffentliche Diskussion verfolgt, könnte man annehmen, Sie hätten in dieser Frage keine Verbündeten.

Wir sind ein Achtzehntel der Bundesliga, genau wie Cottbus oder Bochum. Die gehen sowieso davon aus, dass sie nie im Uefa-Cup spielen, deswegen haben sie völlig andere Interessen. Aber leider sind selbst die Spitzenklubs immer weniger bereit, dieses Thema in der Öffentlichkeit anzusprechen, weil du sofort am nächsten Tag von der DFL Briefe bekommst. Und der größte Teil der Medien würde einen als Totengräber der Bundesliga hinstellen. Gegen den Strom zu schwimmen, dafür fehlt auch vielen der Mut.

Es gibt auch keine Mehrheit für die Abschaffung der 50-plus-1-Regel, die vorschreibt, dass der Verein mindestens 50 Prozent und eine Stimme hält. Viele befürchten, dass die Bundesliga dann von ausländischen Investoren übernommen wird.

Ich bin überzeugt, dass es auch im Inland ausreichend Investoren gibt. Wir müssen aufhören, die Heuschrecken zu verdammen, obwohl es uns von den Politikern so vorgesagt wird. Ohne diese Heuschrecken würde unsere Wirtschaft gar nicht mehr funktionieren. Ich glaube, für die DFL ist es überfällig, diesen Passus aus ihren eigenen Statuten zu streichen.

Kommerz im Fußball war auch ein Thema Ihrer Mitgliederversammlung. Haben Sie sich eigentlich mal das Video angeschaut?

Ein Freund hat es mir gezeigt. Ich bin ja auch drauf zu sehen, offensichtlich sehr erschrocken von dem, was Uli Hoeneß da gesagt hat. Ich kenne ihn jetzt 33 Jahre. Der Uli ist ein unglaublicher Menschenfreund, der alles tut für die Fans. Dem ist an dem Tag eben der Kragen geplatzt, als die zwei Fans da sehr ironisch die Stimmung im Stadion kritisiert haben.

Sie wirkten etwas peinlich berührt. Trotzdem haben auch Sie danach den Fans vorgeworfen, sie lebten in einer anderen Welt.

Ich glaube, wir versuchen jedem Zuschauer die Familie FC Bayern zu vermitteln, egal ob für 2000 Euro in der Loge zahlen oder für sieben Euro in der Südkurve. Der Fußball ist durchzogen vom Kommerz. Aber man muss sich lösen von dem Gedanken, dass man Erfolg und eine gute Mannschaft ohne Kommerz haben kann.

Haben Sie sich eigentlich innerhalb des Vorstands einmal per Beschluss so aufgeteilt, dass Uli Hoeneß fürs wohlige Gefühl zuständig ist und Sie die unpopulären Themen übernehmen?

Nein, aber ich habe eins festgestellt: Sie können 35 interne Gespräche führen und am Ende kommt doch nichts dabei raus. Wir hatten mit Podolski und Schweinsteiger so eine Situation. Da sind sie vom Uli in der Öffentlichkeit kritisiert worden. Ich habe ihn gefragt: Warum hast du das jetzt gemacht? Er hat gesagt: Ich habe drei interne Gespräche mit den beiden geführt, die nichts gebracht haben. Wenn du einmal in der Öffentlichkeit redest, dann wirkt es eben mehr.

Uli Hoeneß will 2009 Präsident des FC Bayern werden. Was ist mit Ihnen?

Ich mache mir keine Gedanken darüber. Seit ich nach Italien gegangen bin, habe ich mich verändert. Seitdem lebe ich im Heute. Ich fände es sogar langweilig zu wissen, was morgen ist.

Ist Ihre Aufgabe denn überhaupt das, was Sie machen wollen?

Ich habe einen tollen Job, aber ich mache auch keinen Hehl daraus, dass mich das Leben als Fußballer emotional mehr gepackt hat. Hier hat man eine riesige Verantwortung für alles. Als Spieler kannst du machen, was du willst, du musst nur am Samstag ein Tor schießen.

Können Sie sich denn vorstellen, dass es Sie überhaupt noch mal emotional so packt?

Nach dem Champions-League-Finale gegen Valencia 2001 hat ein Freund zu mir gesagt: Ich hatte Angst um dich, weil dein Gesicht x-mal die Farbe gewechselt hat von gelb zu rot zu grün zu blau. Trotzdem war es nicht vergleichbar. Ich stand als junger Spieler ja auch im Europapokalfinale, 1976, da mussten sie mir vor dem Spiel zwei Cognac einflößen, damit ich von der Wahnssinnsemotion runterkam und überhaupt spielen konnte. Jetzt muss ich trotz aller Emotionen immer rational bleiben.

Also keinen Cognac mehr.

Ich gehe nach dem Spiel einfach nach Hause, nicht mehr zur Pressekonferenz. Man muss auch mal konsequent sein.

Das Gespräch führten Michael Neudecker und Friedhard Teuffel.

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